Ian De Toffoli

Pseud.: I.d.T.

Luxemburg


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Ian De Toffoli
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Ian De Toffoli besuchte die Grundschule in Bridel und legte sein Abitur am Lycée Robert-Schuman in Luxemburg ab. Anschließend studierte er französische Philologie und Kunstgeschichte an der Universität in Paris. 2011 promovierte er mit einer Abhandlung über die Rezeption der antiken Sprache und Kultur im Werk Claude Simons, Pascal Quignards und Jean Sorrentes.

Seit seiner Studienzeit veröffentlicht Ian De Toffoli Rezensionen und Beiträge über zeitgenössische Luxemburger Literatur. Seit 2004 ist er Pariser Korrespondent und Literaturkritiker im Lëtzebuerger Land, seit 2010 schreibt er zudem für das Tageblatt und dessen Literaturbeilage Livres-Bücher. 2012 unterhielt er die Rubrik "Les muses démembrées" in Kulturissimo. Ian De Toffoli nimmt aktiv teil an der Debatte über die Funktion und Stellung der Luxemburger Literatur in der Gesellschaft. 2012 gründete er zusammen mit den Schauspielern Luc Schiltz und Pitt Simon den Literaturverlag Hydre, der sich zunächst auf zeitgenössische luxemburgische und belgische Theaterstücke und Kurzprosa spezialisierte. Seit 2013 ist er zudem Forschungsassistent an der Universität Luxemburg und gibt dort Kurse in Narratologie und zeitgenössischem Luxemburger Theater. Er liefert Beiträge zu verschiedenen Universitätspublikationen, wie etwa die Analyse des luxemburgischen literarischen Feldes anhand des Werks von Gilles Ortlieb in Das Paradigma der Interkulturalität von Jeanne Glesener, oder einen Artikel über die Dramen Batty Webers in Anne-Marie Millims Batty Weber. Beide Bände erschienen 2017. 2016 zeichnen Ian De Toffoli, Elise Schmit und Marc Limpach für eine Wiederaufnahme der Literaturzeitschrift Les Cahiers luxembourgeois verantwortlich, die bis 2008 von Nic Weber, De Toffolis Mentor und Herausgeber seiner ersten Romane, herausgegeben wurde.

Ian De Toffoli steht im Mittelpunkt der jungen Luxemburger Literaturszene, nicht nur aufgrund seiner dreifachen Rolle als Literaturwissenschaftler, Kritiker und Herausgeber, sondern auch als Romanschriftsteller, Kurzprosa- und Bühnenautor.

Noch während der Schulzeit vollendet er seinen ersten Roman, De Solitudinis arte. Dieser erscheint 2001, vier Jahre später folgt Mauvais œil. Beide Romane zeichnen sich durch zahlreiche Referenzen auf antike Kultur und Literatur aus. Im Mittelpunkt stehen jeweils junge Einzelgänger die von einer überragenden, ja geradezu prätentiösen literarischen Laufbahn träumen, für deren Scheitern sie eine als oberflächlich und materialistisch empfundene Gesellschaft verantwortlich machen. Die Gedanken der Hauptfiguren und ihre Streitgespräche mit anderen handeln von der Stellung des Künstlers in der Gesellschaft im Spannungsfeld zwischen wirtschaftlichen Zwängen einerseits und moralischen und ästhetischen Bedürfnissen andererseits. Wohl spielt De Solitudinis arte im Rom des Kaisers Augustus, doch nutzt der Autor den geschichtlichen Hintergrund für eine schonungslose Analyse unserer Kosumgesellschaft. Dies ist auch Hauptthema des Romans Mauvais Oeil, der im Paris der 2000er Jahre angesiedelt ist und von einem jungen Literaturstudenten handelt, der die Bekanntschaft eines Luxemburger Jurastudenten macht. Im Laufe der Erzählung entwickelt der Autor einen originellen Gründungsmythos für die Stadt Luxemburg. Klassische, biblische und mittelalterliche Einflüsse verweben sich zu einer Phantasmagorie, in der der Protagonist eine mysteriöse, bösartige Kraft zu erkennen glaubt, deren Ursprung er bis ins römische Gallien zurückverfolgt. Dieser moderne Gründungsmythos, welcher den Einfluss von Vergils Aeneis auf das Denken des Autors wiederspiegelt, bleibt einzigartig in der Luxemburger Literatur und lädt zu einem Vergleich mit Lucien Koenigs Lucilinburhuc ein.

Kurzgeschichten von Ian De Toffoli erschienen in den Anthologien der Walfer Bicherdeeg (2009, 2010, 2013 und 2014) und des Verlags Hydre (u.a. Fabula rasa, 2013), in der Zeitschrift Galerie und in Fundstücke 2014/2015 des CNL. In letzterem Sammelband findet sich seine erste Erzählung in englischer Sprache. Anhand einer Begegnung zwischen zwei Obdachlosen entwickelt der Schriftsteller einmal mehr seine Idee eines zerstörerischen Materialismus und der ewigen Suche nach Anerkennung. Überdies nimmt die Idee eines Luxemburger Pluralismus eine wichtige Stellung in diesen Erzählungen ein, in denen sich persönliche Überlegungen des Autors als Enkel italienischer Einwanderer, Literaturrecherche, Förderung der Luxemburger Literatur und eigene literarische Schöpfungen vermischen ("Les Travaux d'Enée" (En partage, 2013) etwa, oder "Yolanda" (Cahiers luxembourgeois, 2017) sind Beispiele hierfür). De Toffoli regt des öfteren gemeinschaftliche Literaturprojekte an, an denen er sich auch selbst beteiligt, wie etwa Un cadavre exquis im Jahr 2016. Unter den zwölf Autoren befinden sich u.a. Guy Helminger, Raoul Biltgen und Jeff Schinker. Er ist Organisator von Lesungen wie Impossible Readings, und selbst häufiger Teilnehmer von Leseveranstaltungen wie etwa Jeff Schinkers Désoeuvrés. Seine Texte, die seit jeher von den Dialogen zwischen den einzelnen Figuren leben, rücken so immer mehr in die Nähe von Bühnenstücken.

Seit 2009 widmet sich Ian De Toffoli vermehrt dem Genre des Drama. In diesem Jahr wird sein erstes Theaterstück, L'annonce, im Rahmen einer Autorenresidenz am Centre des Arts pluriels in Ettelbrück uraufgeführt und anschließend am Nowy Teatr in Warschau gezeigt. Das Stück schaltet sich in den Diskurs um die gleichgeschlechtliche Ehe ein, die einige Jahre später in Luxemburg legalisiert wird. In der Saison 2011/12 nimmt De Toffoli eine zweite Autorenresidenz am Théâtre national de Luxembourg wahr, an deren Ende seine Werke Microdrames und L'homme qui ne retrouvait plus son pays aufgeführt werden. Letzteres wird ebenfalls 2011 auf dem Merscher Theatertag vorgestellt. Microdrames stellt unterschiedliche Konstellationen zwischenmenschlicher Beziehungen vor, deren zentrale Dreierbeziehung im Tod der Frau gipfelt. In L'homme qui ne retrouvait plus son pays diskutieren die Figuren über materielle und immaterielle Werte und die Möglichkeiten, sich eine eigene, erfüllende Identität zu schaffen. Durch Stilmittel wie Wortspiele und Mehrdeutigkeiten hinterfragt der Autor Gepflogenheiten und vermeintlich Selbstverständliches. Ein Auszug aus Microdrames wurde ins Slowenische übersetzt und in der Anthologie Hällewull publiziert (Ljubljana, 2014). De Toffoli selbst übersetzte 2013 unter dem Titel Pur à la loupe Rafael David Kohns Theaterstück Lupenrein auf Französisch, der Text blieb bis jetzt jedoch unveröffentlicht.

Als Bühnenautor nimmt Ian De Toffoli regelmäßig an nationalen und internationalen Projekten teil. 2014 wird seine Komödie De Simmer Fluch von der Musikschule der UGDA und dem Service national de la jeunesse am Großen Theater in Luxemburg aufgeführt. De Toffoli ist Mitglied des Theaterkollektivs Independent Little Lies, das engagierte Stücke aufführt und Dramakurse anbietet. Im Rahmen eines luxemburgisch-spanisch-italienischen Projekts schuf er gemeinsam mit dem katalanischen Bühnenautor Elies Barberà das mehrsprachige Werk 99%, das im Januar 2015 am Theater in Esch/Alzette uraufgeführt wurde und anschließend Tournée durch die drei teilnehmenden Länder machte. Das Stück Migrant, das am Kasemattentheater gezeigt wurde, stellt die Nachfahren italienischer Auswanderer in den Mittelpunkt. Ebenfalls 2015 debütierte seine Readaptation von Ionescos L'Impromptu de l'Alma am TOL. 2016 war der Autor an Furcht und Wohlstand des Luxemburger Landes, einer Koproduktion des CNL, des Hydre Verlags und des Kasemattentheaters, beteiligt. Im gleichen Jahr erscheint das Stück Refugium mit Pitt Simon und Luc Schiltz, das die Einflussmöglichkeiten des Einzelnen in einer vermehrt dystopischen Gesellschaft debattiert. 2017 stellt die Gruppe um Ian De Toffoli, Olivier Garofalo, Nico Helminger und Jeff Schinker unter dem Titel Oh du do uewen, deem seng Hand an griechischen Mythen inspirierte Szenen vor. Im gleichen Jahr erscheint Ian De Toffolis zeitgenössische Reinterpretation des Märchens Rumpelstilzchen.

 

Sandra Schmit

Mitarbeit bei Zeitungen

Titel der Zeitung Benutzte Namen
Cahiers luxembourgeois (Les). revue libre des lettres, des sciences et des arts
Ian De Toffoli
forum. fir kritesch Informatioun iwer Politik, Kultur a Relioun
Ian De Toffoli
kulturissimo. mensuel culturel et socio-politique
Ian De Toffoli
Lëtzebuerger Land (d') / d'Letzeburger Land / LL. unabhängige Wochenschrift für Politik, Wirtschaft und Kultur
Ian De Toffoli
Livres - Bücher. Un supplément du Tageblatt
I.d.T.
Tageblatt / Escher Tageblatt = Journal d'Esch. Zeitung fir Lëtzebuerg
Ian De Toffoli

Sekundärliteratur in Auswahl (Autor & Gesamtwerk)

Autor Jahr Info
Anonym (Unbekannt)
2001 Ian De Toffoli, auteur d'un premier roman. In: Le Républicain lorrain 30.04.2001.
Michele Parente
2006 La quête de la formule. In: Tageblatt 18.01.2006
Alain Ducat
2012 "Envie de publier des livres ambitieux". Interview [sur Hydre Editions]. In Paperjam 05.06.2012
Josée Hansen
2012 Pertes de sens. In: D'Lëtzebuerger Land 13.7.2012 [sur: L’homme qui ne retrouvait plus son pays]
2012 Portrait: La bohème. In: woxx 13.07.2012, p. 12-13.
Romain Butti
2013 "Dazwischen [...] wird für uns immer dieses Stück Luxemburg bleiben, wie ein glänzendes, schönes und unnützes Teil" : Aspekte des Interkulturalität in der luxemburgischen Gegenwartsliteratur. Erörterungen am Beispiel der Autoren Jean Portante, Guy Helminger, Anise Koltz und Ian de Toffoli [Wissenschaftliche Abschlussarbeit / Thèse]
Anne Heintz
2014 Intrigen, Spannungen und Liebe. In: Luxemburger Wort, 08.11.2014, S. 34. (De Simmer Fluch)
Josée Zeimes
2015 „Ballottés entre deux pays“. In: Le Jeudi, n°13, 26.03-01.04.2015, p.24 [zu: Furcht und Wohlstand im Luxemburger Land]
Fabienne Gilbertz
2015 „"Don't laugh, because it's true". Sammelband "Migrant" verbindet humorvolle und ernsthafte Blicke auf das Thema Migration“. In: Livres = Bücher, mai-juin 2015, p.12
Josée Hansen
2015 „Faut pas être raciste“. In: d'Lëtzebuerger Land, 27.03.2015, p.15 [zu: Furcht und Wohlstand im Luxemburger Land]
Ludivine Jehin
2016 Petits compromis à la belge (3): Ian de Toffoli. Flambeur de(s) lettres. In: Livres-Bücher, mai-juin 2016, p.11

Literaturpreise

Name Auszeichnung Ausgezeichnetes Werk Jahr
Résidence d'auteurs au Théâtre national du Luxembourg (Luxembourg) 2011
Lëtzebuerger Buchpräis (Lëtzebuerger Bicherediteuren) Lëtzebuerger Buchpräis ("Coup de coeur" der Jury) Impossible readings = Lecture impossible : un "cadavre exquis" / de Carla Lucarelli, Jeff Schinker, Nathalie Ronvaux, Ian de Toffoli, Guy Helminger, Gast Groeber, Raoul Biltgen, Florent Toniello, Francis Kirps, Tullio Forgiarini, Nora Wagener, Jean Bürlesk 2016
Zuletzt geändert 19.12.2017