Jean Sorrente

Jean-Claude Asselborn [geb.]

Pseud.: J.S. ; Alphonse Maintes ; C. Malans ; Claude Méréan

Luxemburg


Foto: Jean Sorrente
Jean Sorrente
Foto:

Jean Sorrente, eigentlich Jean-Claude Asselborn, ist ein Luxemburger Schriftsteller belgischer Herkunft. Er studierte Romanistik an den Cours supérieurs in Luxemburg und an der Universität Straßburg, wo er 1985 mit einer Arbeit über Montaigne promovierte. Er unterrichtete Französisch, zuerst am Lycée classique d'Echternach, dann am Athenäum.

Jean Sorrente, dessen Pseudonym auf jenen Ort verweist, wo Vergil der Göttin Venus ein Opfer darbrachte, damit diese ihm zur Vollendung der Aeneis verhelfen sollte, ist ein Romanautor, Lyriker und Essayist, der das Verhältnis zwischen Realität und Fiktion hinterfragt und narrative Strukturen auf die Probe stellt. In seinen Werken registriert er verschachtelte Eindrücke, stellt eine Kontinuität in den dargebotenen Überlegungen her und arbeitet mit Selbstverweisen zwischen den Büchern; er zieht ereignisarme Handlungen, die auf Wiederholungen, Variationen und Digressionen beruhen, vor. Jean Sorrentes Romane rollen keinen Ablauf aus, sondern stützen sich auf eine sowohl physische als auch mentale Bewegung, die Motive des Umherirrens sowie der Auflösung zum Vorschein bringen. Sein von einer barocken Konzeption inspiriertes Schreiben ist durchzogen mit kulturellen Referenzen, sowohl intertextueller (durch das Evozieren von verehrten Schriftstellern, etwa Autoren der Antike, Dante, Rilke, Mallarmé, Claude Simon, Pierre Michon, Bernard Noël oder, unter den Luxemburger Autoren, Edmond Dune, nach dem die Figur des „Rune“ in La Visitation benannt wurde) als auch musikalischer (u.a. Bach) oder bildhafter Natur (u.a. durch das Evozieren von Dürer und Picasso). Darüber hinaus liefert Jean Sorrente in La Visitation eine vielstimmige Reflexion rund um das Schreiben und den Reifeprozess eines Romans. Diese Reflexion wird in den Romanen Nuits (1994) und Le Vol de l’aube (1995) fortgesetzt: zum einen durch die physische und psychologische Beengung, die ein Aufenthalt im Sanatorium mit sich bringt, zum anderen durch den Aufruhr des Zweiten Weltkrieges und die damit verknüpfte Frage der freiwilligen Kriegsmeldung in Belgien. In diesen drei ersten Werken erkundet Jean Sorrente verschiedene Prozesse der Selbsterfindung, unter anderem durch die wiederkehrende Figur des Alphonse Maintes, dessen Name dem Schriftsteller auch gelegentlich in anderen Kontexten als Pseudonym diente (etwa in Le Saint Suaire).

Die Frage nach der Identität des Schriftstellers prägt die Romane bis Et donc tout un roman (2002) und regt zu Figurverdopplungen an, die oft durch Spiegelmotive symbolisiert werden und die die kontemplative sowie in kreisenden Bewegungen befangenen männlichen Figuren kennzeichnen. Obschon sie von Freunden, Geschwistern oder Frauen, die zu erotischen Szenen Anlass geben und der Kreation als Muse dienen, umgeben sind, sind diese Figuren einsam. Sie durchstreifen zahlreiche Städte, unter denen Luxemburg, neben Paris, Spa, Malmedy, Florenz oder Venedig, eine wichtige Rolle spielt, und lassen eine besondere Sensibilität für Orte erkennen. Jene Orte, seien es urbane Landschaften, die Familienbrauerei (Et donc tout un roman) oder die „librairie“, wie Sorrente in Anlehnung an Montaigne die Bibliothek nennt, entpuppen sich als Labyrinthe und als mögliche Refugien, die eine Introspektion ermöglichen.  

Neben der Prosa schreibt Jean Sorrente auch Lyrik. 1974 veröffentlichte er seine ersten Lyriktexte in Nouvelle Europe und Proscenium. 2001 erschien sein Petit livre d’oraisons. Cinq élégies à Luxembourg, ein mit geometrischen Vignetten von Claire Pichaud illustrierter und auf beschwörende Modulationen der Stimme zurückgreifender Gedichtband, dessen erster Teil zwischen gegensätzlichen Bewegungen der Gewissheit und Zerrissenheit, Vollkommenheit und Verzweiflung, Begeisterung und Auflösung pendelt. Der zweite Teil des Bandes liefert, wie der Titel es bereits verrät, persönliche Eindrücke der Stadt Luxemburg.

Des Weiteren zeichnete Jean Sorrente auch für nicht-fiktionale Werke verantwortlich (etwa Scolies oder Dépense), die verschiedene Formen annehmen (Kommentar, Fragment, Essay…), aber mit dem sonstigen Werk eine vergleichbare Dichte an Referenzen und literarischen sowie historischen, philosophischen, musikalischen oder bildlichen Betrachtungen teilen. Jean Sorrentes besonderes Interesse gilt der bildenden Kunst, der er sich, vor 1990 unter den Pseudonymen Alphonse Maintes, C. Malans und Claude Méréan, als Kunstkritiker widmet. Dieses Interesse wird auch in Publikationen deutlich, die dem Schreiben andere künstlerische Ausdrucksformen zur Seite stellen, wie etwa der 2002 erschienene Band Port-Royal, der unter der Ägide von Saint-Simon, Nicolas Bocquet und Pascal Fotografien von André Janssens und Texte Jean Sorrentes vereint, in denen der Blick des Autors über die Reste der Abtei von Port-Royal wandert. Der Schriftsteller wirkte auch an Monografien und Künstlerkatalogen von Robert Brandy (u.a. Robert Brandy (1982), Robert Brandy. Peintures 1971-2001 (2001), Overcovering. Robert Brandy (2006) und Une vie avant la vie. L'histoire vraie de Bolitho Blane (2013)) und Vincent Gagliardi  (Vincent Gagliardi, 1996) oder des Fotografen Lin Delpierre (Bombay sans effraction qu'intime, 2002) mit. Er pflegte darüber hinaus einen Austausch mit Künstlern wie Yvon Lambert, Marie-Paule Feiereisen, Bertrand Ney, Jean-Marie Biwer, mit dem er 1989 das Buch Le Saint Suaire herausgab, sowie Robert Brandy, mit dem er 2009 Ondes veröffentlichte.

Jean Sorrente lieferte zudem zahlreiche Beiträge für Sammelbände, unter anderem für mehrere Ausgaben aus der Reihe der Walfer Bicherdeeg (2003, 2005, 2009, 2010) und der Reihe aphinités des Verlags Phi (z.B. Où demeurer ailleurs que là (2007) und Jours enfantins au royaume du Luxembourg (2010)) sowie für Anthologien, etwa Le pays aux trois frontières (2002) oder e-gutenberg (2014). Weitere literarische Texte wurden in luxemburgischen (Les Cahiers luxembourgeois, Galerie, nos cahiers, Estuaires) und ausländischen (Europe) Zeitschriften veröffentlicht. Zahlreiche Kritiken und Chroniken erschienen in Luxemburg (im Luxemburger Wort, im Tageblatt und in dessen Beilage Livres-Bücher sowie in Kulturissimo) und in Frankreich (im Républicain Lorrain und in Réforme, Humanisme, Renaissance). Seit 2001 unterhält der Autor eine regelmäßige Chronik (« La chronique de Jean Sorrente », danach « Le point de vue de Jean Sorrente » und « Contre-notes ») im Le Jeudi, in der er gesellschaftliche, philosophische oder politische Themen behandelt.

Sein Roman Nuits wurde 2003 ins Polnische (Noce) übersetzt. Auszüge seiner Werke (u.a. aus La Visitation, Vol de l’aube und Et donc tout un roman) wurden in Zeitschriften wie abril und Krautgarten sowie in Sammelbänden wie der Anthologie de littérature luxembourgeoise de langue française / Antologie de literaturặ luxemburghezặ de limba francezặ (2004) ins Spanische, Deutsche und Rumänische übersetzt.

Jean Sorrente, der Mitglied des LSV bis zu dessen Auflösung im Jahr 2016 war, erhielt 1993 den Prix Tony Bourg für Nuits. 1998 wurde Le Vol de l'aube mit dem Prix de la Libre Académie de Belgique, deren Mitglied er ist, ausgezeichnet. 2003 erhielt Jean Sorrente den Servais-Preis für Et donc tout un roman.

Gast Mannes

Werke

Titel Jahr Sprache Genres yearsort
Le Saint Suaire [illustrations de Jean-Marie Biwer]
Alphonse Maintes (Jean Sorrente) [Autor(in)]
1989
FRE
1989
La Visitation. Carnets pour un roman
Jean Sorrente [Autor(in)]
1990
FRE
1990
Nuits. Roman
Jean Sorrente [Autor(in)]
1994
FRE
1994
Le vol de l'aube. Roman
Jean Sorrente [Autor(in)]
1995
FRE
1995
Scolies
Jean Sorrente [Autor(in)]
1999
FRE
1999
Petit Livre d'Oraisons. [suivi de] Cinq élégies à Luxembourg
Jean Sorrente [Autor(in)]
2001
FRE
2001
Et donc tout un roman
Jean Sorrente [Autor(in)]
2002
FRE
2002
Port-Royal. Avec des photographies d'André Janssens
Jean Sorrente [Autor(in)]
2002
FRE
2002
Dépense. Essais et autres proses
Jean Sorrente [Autor(in)]
2007
FRE
2007
Ondes. Avec sérigraphies de Robert Brandy
Jean Sorrente [Autor(in)]
2009
FRE
2009
Sphères et miroirs [+CD]
Jean Sorrente [Autor(in)]
2010
FRE
2010

Mitarbeit bei Zeitungen

Titel der Zeitung Benutzte Namen
abril
Jean Sorrente
Cahiers luxembourgeois (Les). revue libre des lettres, des sciences et des arts
Jean Sorrente
Estuaires. Revue culturelle
Alphonse Maintes
Jean Sorrente
Europe. revue littéraire mensuelle
Jean Sorrente
Galerie. Revue culturelle et pédagogique
Jean Sorrente
Jeudi (Le). l'hebdomadaire luxembourgeois en français
Jean Sorrente
Krautgarten. Forum für junge Literatur im deutschen Sprachgebiet
Jean Sorrente
Lëtzebuerger Journal / Letzeburger Journal / Journal / LJ. Politik, Finanzen a Gesellschaft
Jean Sorrente
Livres - Bücher. Un supplément du Tageblatt
J.S.
NEeuropa / Nuova Europa : revista d'arte e letteratura = Nouvelle Europe. Revue d'art et de littérature
Jean Sorrente
nos cahiers. Lëtzebuerger Zäitschrëft fir Kultur
Jean Sorrente
Proscenium. Revue Littéraire
Jean Sorrente
Républicain Lorrain. est-journal : grand régional d’information, quotidien indépendant
Jean Sorrente

Sekundärliteratur in Auswahl (Autor & Gesamtwerk)

Autor Jahr Info
Corina Mersch (Corina Ciocârlie)
1999 Un miroir aux alouettes. Petit dictionnaire de la pensée nomade.
Corina Mersch (Corina Ciocârlie)
2002 Sur le chemin des "solitaires": soirée de lecture au Centre culturel français. In: Lëtzebuerger Journal 28.11.2002, S. 25.
2003 L’heureux sort de Sorrente. In : La Voix, 26.06.2003, p.12
Gaston Compère
2004 Jean Sorrente. In: Dossiers L, Hors-série
2004 Remise du prix Servais 2003 à Monsieur Jean Sorrente
2004 Sous le signe de Virgile, de Montaigne et de Proust. A la recherche de Jean Sorrente, romancier. In: Remise du prix Servais 2003 à Monsieur Jean Sorrente, p. 9-20
Amor Ben Ali
2006 Jean Sorrente ou l'élégie démélancolisée. In: Identités. Incursion tunisienne dans les lettres luxembourgeoises, p. 37-56
2007 La métaphysique du verbe. Ecrivain cratylien, le lauréat du Prix Servais se dépense sans compter. Portrait. In: Luxemburger Wort 14.04.2007, p. 14.
Tonia Raus
2008 "La Visitation". "Carnet pour un roman" L'écriture en abyme de Jean Sorrente. In: Identitäts(de)konstruktionen, p. 93-109
Tonia Raus
2010 La mise en abyme chez Georges Perec. Avec application des résultats théoriques à un corpus d’écrivains francophones luxembourgeois : Jean Portante et Jean Sorrente. Thèse de doctorat : Université du Luxembourg / Université Sorbonne Nouvelle - Paris 3
2014 Dépressions et fantasmagories urbaines. Représentations mythologiques et topographiques dans les premiers romans de Jean Sorrente. In : Malaise dans la ville, Bruxelles, PIE-Peter Lang, 2014, p. 263-277
2015 La réception du latin et de la culture antique dans l'œuvre de Claude Simon, Pascal Quignard et Jean Sorrente

Sekundärliteratur zu den einzelnen Werken

Titel Jahr yearsort
La Visitation. Carnets pour un roman 1990 1990
Nuits. Roman 1994 1994
Le vol de l'aube. Roman 1995 1995
Scolies 1999 1999
Petit Livre d'Oraisons. [suivi de] Cinq élégies à Luxembourg 2001 2001
Et donc tout un roman 2002 2002
Port-Royal. Avec des photographies d'André Janssens 2002 2002
Dépense. Essais et autres proses 2007 2007

Mitgliedschaft

Name
LSV - Lëtzebuerger Schrëftstellerverband [1985-2016]
Zuletzt geändert 21.06.2018