Guy Helminger

Gi Helminger

Pseud.: GuH

Esch/Alzette


Foto: Guy Helminger
Guy Helminger
Foto: ©

Guy Helminger ist der jüngere Bruder von Nico Helminger. Er besuchte in Esch/Alzette die Grundschule und das Lycée de garçons, bevor er Germanistik und Philosophie in Luxemburg (1982-1983), Heidelberg (1983-1985) und Köln (1985-1988) studierte. Danach arbeitete er bis 1990 als Schauspieler beim Georg-Büchner-Ensemble in Köln, wo er u. a. den Baal in Brechts gleichnamigem Stück spielte. Er war zudem Regieassistent beim Fernsehen und Barkeeper in der Punkkneipe Station. Seitdem arbeitete er als 3D-Grafiker. Zahlreiche Reisen führten ihn nach Afrika, Asien, Indien, in die USA und nach Neuseeland. Guy Helminger ist seit 1985 Mitglied des Luxemburger Schriftstellerverbandes, des Verbandes Deutscher Schriftsteller (VS) sowie seit 2007 des P.E.N. Zentrum Deutschland und lebt als freier Schriftsteller in Köln.

Guy Helminger ist vielfach als Moderator tätig. Seit 2007 lädt er gemeinsam mit dem deutschen Schriftsteller Navid Kermani in den Literarischen Salon im Kölner Stadtgarten internationale Autoren ein, die aus ihren jeweiligen Neuerscheinungen lesen und im Anschluss Platten, Bilder u.a. vorstellen. Von Januar 2010 bis Juli 2012 moderierte Guy Helminger die Sendung Kultur für den Fernseher RTL Luxemburg, seit November 2012 moderiert er die erste Luxemburger Krimisendung DNA.  In Luxemburg moderiert er Gespräche, u.a. beim Institut Pierre Werner. Seit 2015 ist er verantwortlicher Redakteur des deutschsprachigen Teiles der Kulturbeilage Livres-Bücher der Tageszeitung Tageblatt.

Guy Helminger schreibt Gedichte, Theaterstücke, Hörspiele, Drehbücher und Romane in deutscher Sprache, veröffentlicht in deutschsprachigen Zeitschriften (ndl, Krautgarten, Das Gedicht, Streckenläufer) und ist in nationalen wie internationalen Anthologien vertreten. Er legte bisher fünf, in Gedichtzyklen konzipierte Lyrikbände mit experimentellen, sprachreflektierten Textgebilden vor (Die Gegenwartsspringer, Entfernungen (in Zellophan), Leib, eigener Leib, Ver-Wanderung, Libellenterz). Ausgehend von einer Poetik der Sprachvernetzung, der zufolge Bilder, Worte, Laute in freier Assoziation mit anderen Sprachelementen verknüpft werden, verbindet er oftmals aufgrund phonetischer Affinitäten mehrere Sprachen, die zueinander in Beziehung gesetzt werden, und integriert fachsprachliche Ausdrücke und Soziolekte. Guy Helmingers Gedichte konstruieren den Vorgang der Wahrnehmung ("Synapsennetz") durch Parallelisierung verschiedener Sinneswahrnehmungen. Folgerichtig gibt es einen engen Zusammenhang zwischen den syntaktischen Wegweisungen der Gedichte und ihren Themen: Körper, Reisen, Bewegung. Die Themen seiner Theaterstücke sind Kommunikationsstörungen, innerfamiliäre Zerrüttung, Gewaltanwendung und gesteigerte Angstempfindungen. Das Theaterstück Morgen ist Regen, das 2002 mit dem Jugendtheaterpreis des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet wurde, wurde in London unter dem Titel Venezuela uraufgeführt, dann in New York, Wien und Luxemburg aufgeführt. Das Stück Wer noch glaubt wurde an der Studiobühne in Köln 1992 uraufgeführt. 2011 wurde das Stück Das Leben hält bis zuletzt Überraschungen bereit in Les Théâtres de la Ville de Luxembourg uraufgeführt und ebenfalls im Salon5Wien gespielt. Gemein sind den Protagonisten in den drei Stücken die Sehnsucht nach einem anderen, besseren Leben und das Scheitern in der Wirklichkeit. Dabei zerbrechen Beziehungen an der Härte eines Alltagslebens, das von den Protagonisten nicht mehr bewältigt wird, und an überzogenen Erwartungen an Veränderungen, zu denen die Betroffenen weder psychisch noch körperlich in der Lage sind. Seit 2011 schreibt Guy Helminger auch in luxemburgischer Sprache, u.a. mit Marc Limpach das Drehbuch für die erste Sitcom in luxemburgischer Sprache Weemseesdet (2011/2012). 2015 folgte das Minidrama Et ass nach näischt verluer, das mit sieben anderen Stücken von Luxemburger Autoren unter dem Titel Migrant im Kasemattentheater gespielt wurde. Im Dezember 2016 folgte der Monolog Performance, der im Théâtre du Centaure uraufgeführt wurde, und in dem der Autor die Müdigkeit des in einer satten Gesellschaft funktionierenden Bankangestellten in Luxemburg reflektiert, ein Sujet, das er bereits in Das Leben hält bis zuletzt Überraschungen bereit  thematisierte.

In seiner Prosa variiert Guy Helminger das Spiel der sich wechselseitig aufhebenden Fiktions- und Realitätsgrenzen. In seinem Roman Die Ruhe der Schlammkröte wie auch in den Erzählbänden Rost und Etwas fehlt immer beschreibt er absurde Gewalttaten, das Ausgeliefertsein von Randexistenzen und Außenseitern an Sexualität, Alkohol sowie brüchige soziale Bindungen und bedient sich dabei einer ironisch-distanzierenden Sprache.

Seit 2005 thematisiert Helminger Migrations- und Alteritätserfahrungen, was auch mit seinen Reisen zusammenhängt. Von Juni bis Juli 2006 war Helminger Stadtschreiber in Hyderabad (Indien), von Februar bis März 2007 hielt er sich im Rahmen des Deutsche Welle-Projektes westöstlicher diwan in Teheran auf und von Dezember 2008 bis Januar 2009 war er zu Gast in der Autorenresidenz im Deutschen Haus Sana'a in Jemen. Im September 2015 war er auf Einladung der Sylt Foundation und im Rahmen des Programms Stimmen Afrikas in Johannesburg. Im September 2016 war er im Rahmen der Autorenresidenz Hausbesuch des Goethe-Instituts in Porto bei Privatleuten untergebracht. 2017 war er im Rahmen von Schriftstellerresidenzen in den Vietnam und nach Myanmar eingeladen, worüber er in seiner von April bis Mai 2017 auf dem Radiosender 100komma7 erschienenen Reisekolumne Post vum Guy berichtete. Im  Rahmen der Autorenresidenzen sind jeweils Reiseberichte, Blogs und ein Internet-Tagebuch erschienen, in denen die Faszination des Fremden und Formen kultureller Alterität geschildert werden.

Im Roman Neubrasilien, der 2011 ins Serbokroatische übersetzt wurde, werden zwei abwechselnd erzählte Handlungsstränge miteinander verknüpft: zum einen die scheiternde Auswanderungsgeschichte einer luxemburgischen Bauernfamilie nach Brasilien zwischen April 1828 und März 1831, zum anderen die sich zwischen November 1999 und August 2003 abspielende, ebenfalls scheiternde Geschichte der montenegrinischen Familie Kaljevic, die in Luxemburg politisches Asyl beantragt. Die Recherche vor Ort in Montenegro erfolgte mit einem Grenzgänger-Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung. Helminger entwirft im Roman die Geschichte des europäischen Kontinents als eine Geschichte der Migration in Vergangenheit und Gegenwart, schildert vor dem Hintergrund von ca. 25 Schicksalen generationelle und genderspezifische Migrationserfahrungen und Bewältigungsversuche von Alterität und zeigt ein differenziertes Bild von Migrationstraumata, Hoffnungen, aber auch Freuden.

Guy Helminger schreibt Hörspiele, die vom Saarländischen (Habicht) , Westdeutschen (Wasser, Fluggeräte, Rekonstruktion Kresch) und Hessischen Rundfunk (Nachbarn) produziert wurden. 5 Sekunden Leben (WDR) wurde als Hörspiel des Monats März 2001 ausgezeichnet. Für die Hörspiele Klapperschlange und Morgen ist Regen (WDR) erhielt er von der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen jeweils ein Autorenstipendium. 2017 schrieb er einzelne Folgen für die WDR-Hörspiel-Serie 45 Umdrehungen über das Leben der Familie Vogt in den 1970ern. 2002 wurde Rost mit dem Servais-Preis ausgezeichnet. Guy Helminger nahm 2004 an den 28. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt teil, wo er den 3sat-Preis erhielt. 2006 erhielt er den Prix du mérite culturel de la Ville d'Esch.

Claude D. Conter

Mitarbeit bei Zeitungen

Titel der Zeitung Benutzte Namen
Artic-Magazin. Zeitschrift für Kunst, Literatur und Philosophie
Guy Helminger
Cahiers luxembourgeois (Les). revue libre des lettres, des sciences et des arts
Guy Helminger
Galerie. Revue culturelle et pédagogique
Guy Helminger
Gedicht (Das). Zeitschrift für Lyrik, Essay und Kritik
Guy Helminger
Krautgarten. Forum für junge Literatur im deutschen Sprachgebiet
Guy Helminger
Livres - Bücher. Un supplément du Tageblatt
GuH
ndl (Neue deutsche Literatur). Zeitschrift für deutschsprachige Literatur
Guy Helminger
Sprache im technischen Zeitalter
Guy Helminger
Streckenläufer. Hrsg. PoCul, Verein für Politik und Kultur, Saarbrücken
Guy Helminger

Sekundärliteratur in Auswahl (Autor & Gesamtwerk)

Autor Jahr Info
Stefan Weidner
2002 Kurz und gut. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung 08.05.2002
Tom Schulz
2002 Zwischen die Farne einen Strauß Harn. Aufreizende Wortlust. Helmingers “Ver-Wanderung”. In: ndl (neue deutsche literatur) 50 (2002), H. 6/02, S. 177-179.
2003 der aufstand der allliteraten. eine subjektive chronologie des zickzackkurses der federhalter. notizen zur entwicklung der luxemburger literatur in der zweiten jahrhunderthälfte
Denis Scheck
2003 Helmingers negative Telelogie des Verfalls ist ein würdiges Thema. In: Remise du Prix Servais 2002 à Monsieur Guy Helminger, S. 9-15.
2003 Remise du Prix Servais 2002 à Monsieur Guy Helminger
Claude D. Conter
2004 Experimentalpoesie, Poetik des Augenblicks, Irrationalität und Nachtseiten des Menschen. Einführung in das Werk von Guy Helminger. In: Deutsche Bücher. Forum für Literatur 34 (2004), H. 4, S. 263-270.
Claude D. Conter
2004 Gespräch mit dem Luxemburger Schriftsteller Guy Helminger, 3sat-Preisträger beim diesjährigen Literaturwettbewerb zum Ingeborg-Bachmann-Preis. In: Deutsche Bücher. Forum für Literatur 34 (2004), H. 4, S. 263-270.
Gunter Guntermann
2004 Grenzübergang als Form. Ein Versuch zu Guy Helmingers Lyrik (und Prosa). In: Über Grenzen, S. 221-236.
Josée Hansen
2005 Die Kunst der Utopie. Interview mit Guy Helminger. In: d'Lëtzebuerger Land 04.03.2005
Ananya Datta
2006 Datta, Ananya: India. Some clichés needed [zu Guy Helminger in Indien] In: Deccan Chronicle Hyderabad 17.06.2006.
2006 Stadtschreiber im indischen Hyderabad. Die improvisierte Ordnung im Gewühl. In: Livres-Bücher 11 (2006) September, S. 20
Oliver Jungen
2006 Welke Blumen des Bösen. Hundefolterer und Kindsmörder: Guy Helmingers neue Erzählungen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung 06.01.2006.
Claude D. Conter
2009 Wege aus der Regionalliteratur - auf dem Weg zur Nationalliteratur? Über die Luxemburger Schriftstellerbrüder Guy und Nico Helminger. In: Arts et Lettres 1 (2009), S. 7-23
Romain Butti
2013 "Dazwischen [...] wird für uns immer dieses Stück Luxemburg bleiben, wie ein glänzendes, schönes und unnützes Teil" : Aspekte des Interkulturalität in der luxemburgischen Gegenwartsliteratur. Erörterungen am Beispiel der Autoren Jean Portante, Guy Helminger, Anise Koltz und Ian de Toffoli [Wissenschaftliche Abschlussarbeit / Thèse]
Claude D. Conter
2014 Bibliographie Guy Helminger. [PDF-Volltext im Anhang] In: Guy Helminger. Ein Sprachanatom bei der Arbeit, S. 225-230
2014 Guy Helminger. Ein Sprachanatom bei der Arbeit. Hrsg. von Rolf Parr, Thomas Ernst und Claude D. Conter
Josée Zeimes
2015 „Ballottés entre deux pays“. In: Le Jeudi, n°13, 26.03-01.04.2015, p.24 [zu: Furcht und Wohlstand im Luxemburger Land]
Fabienne Gilbertz
2015 „"Don't laugh, because it's true". Sammelband "Migrant" verbindet humorvolle und ernsthafte Blicke auf das Thema Migration“. In: Livres = Bücher, mai-juin 2015, p.12
Josée Hansen
2015 „Faut pas être raciste“. In: d'Lëtzebuerger Land, 27.03.2015, p.15 [zu: Furcht und Wohlstand im Luxemburger Land]
2015 Remise du Prix Servais 2014 à Monsieur Nico Helminger
Nathalie Jacoby
2016 Guy Helminger: Theater (Unterrichtsmaterialien 1)

Sekundärliteratur zu den einzelnen Werken

Titel Jahr
Die Gegenwartsspringer. [Gedichte] 1986
Die Ruhe der Schlammkröte. Roman [1995]
Entfernungen (in Zellophan). Gedichte 1998
Leib, eigener Leib. Gedichte 2000
Rost. Kurzgeschichten 2001
Ver-Wanderung. Gedichte. Illustrationen von Michel Geimer 2002
Venezuela 2004
Etwas fehlt immer. Erzählungen 2005
Morgen war schon. Roman 2007
Eine Tasse für Nofretete Nilpferd 2010
Libellenterz. Gesammelte Gedichte mit CD. Mit einem Vorwort von Stefan Weidner 2010
Neubrasilien. Roman. 2010
Venezuela [enthält: Venezuela, Das Leben hält bis zuletzt Überraschungen bereit, Drüben] 2015

Mitgliedschaft

Name
LSV - Lëtzebuerger Schrëftstellerverband [1985-2016]
PEN International. Zentrum Deutschland
VS – Verband deutscher Schriftsteller

Normdatei

VIAF:
Zuletzt geändert 27.09.2017