Tomas Bjørnstad


Beim laut Verlagsangaben 1984 in Trondheim geborenen und in Luxemburg aufgewachsenen Tomas Bjørnstad handelt es sich einigen Literaturkritikern zufolge um ein nicht bestätigtes Pseudonym von Nico Helminger. Wegen eines kryptischen Hinweises im Roman Die Tanzenden (2019) wurde jedoch auch Samuel Hamen im Feuilleton als möglicher Urheber von Bjørnstads Texten diskutiert. Das autofiktionale Spiel mit der Identität des Autors ist ein zentraler thematischer Bestandteil beider bisheriger, als "autobiografische" Schlüsseltexte vermarkteter Publikationen, weil das lyrische und erzählerische Ich jeweils als Alter Ego des vermeintlichen, unbekannten Autors dargestellt wird. Mithilfe von text- und werkimmanenten, para- und intertextuellen Verweisen wird mit der Autor-Persona Bjørnstad eine werkübergreifende literarische Kunstfigur konstruiert. Dieser aufstrebende Schriftsteller, der durch einen ständigen Bezug auf literarische und musikalische Vorbilder die Pose eines poeta doctus einnimmt, versteht sich als ein kritisches Sprachrohr der Luxemburger Generation Y.

Der in sechs Zyklen unterteilte Gedichtband Fjorde (2018), dessen Entstehung und Veröffentlichung in Die Tanzenden thematisiert wird, nimmt mit seinem Titel Bezug auf Bjørnstads Geburtsland Norwegen, das gemeinsam mit diversen Reisezielen als ein ambivalenter Sehnsuchtsort erscheint. In absurd-grotesken, aber auch prosaischen, den Alltag zugleich persiflierenden und romantisierenden Sprachbildern verhandelt das lyrische Ich neben Herkunftsfragen die Idiosynkrasien der Selbst- und Fremdwahrnehmung. Eine wichtige Verbindungslinie zum Debütroman ist das Motiv des Tanzes, das durch die freien Verse mit Bjørnstads Hauptthemen verwebt wird: dem Nacht- und Kulturleben, dem DJing, dem Rausch, dem Alkohol- und Drogenkonsum, der Orientierungslosigkeit oder der Flüchtigkeit des Moments und des Daseins. Ausgangspunkt von Die Tanzenden ist eine gescheiterte Liebesbeziehung des Protagonisten, deren Aufarbeitung mit seiner den Roman prägenden Suche nach Identität und Lebenssinn parallelisiert wird, wobei die Flucht in den oberflächlichen Hedonismus von Kneipen- und Discobesuchen keine Lösung bietet. Hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach einer künstlerischen Lebensführung und dem Lebensalltag einer bürgerlichen Existenz, leidet er an einer hypokritisch und dekadent empfundenen Luxemburger Gesellschaft, der er sich letztlich jedoch nicht entziehen kann, weil er sie selbst verkörpert. Die psychischen Spannungen passen insofern zur formalen Gestaltung des Romans, als die zentralen Erzählabschnitte in der Ich-Form durchwegs durch fragmentarische Einschübe von Notizen, E-Mails, Blogeinträgen oder Auszügen aus einem dystopischen Comic-Skript unterbrochen werden. Satirisch-kritische Passagen betreffen insbesondere die Analyse gesellschaftsrelevanter Ereignisse (z.B. die Elf-Aquitaine-Affäre, der ING-Marathon oder das zehnjährige Jubiläum des Mudam), die Beschreibung von bekannten Luxemburger Persönlichkeiten oder die Diffamierung bestimmter Berufsgruppen wie Lehrern, Polizisten oder Politikern.

Tim Reuter

Werke

Titel Jahr Sprache Genres yearsort
Fjorde
Tomas Bjørnstad [Autor(in)]
2018
DEU
2018
Die Tanzenden
Tomas Bjørnstad [Autor(in)]
2019
DEU
2019
Zuletzt geändert 08.07.2020