Joseph Kayser
Nach dem Besuch der Grundschule in Itzig (1970-1976) besuchte Joseph Kayser das Institut Émile Metz in Dommeldingen (1976-1983). Anschließend arbeitete er als Elektromechaniker zunächst beim Service de l’Énergie de l’État, dann von 1984 bis 2017 bei der CLT, zuletzt in der Verwaltungseinheit des Broadcasting Center Europe, des technischen Dienstleisters der RTL Group. 2010 war er für ein Jahr bei IPL im Bereich der Werbung für Radio und Fernsehen tätig.
Das literarische Werk von Joseph Kayser umfasst Romane und Erzählungen verschiedener Genres, die vor dem Hintergrund familiärer, historischer und politischer Konstellationen entwickelt werden und deren mitunter humorvoll gebrochene Handlung mal kriminalistisch, mal psychologisch strukturiert ist. Verfasste er seine ersten Texte auf Luxemburgisch, greift er später auch auf Deutsch, Englisch und Französisch als Schreibsprachen zurück. Das Debüt Prinzessin Charlotte (2017) entfaltet im zeitgeschichtlichen Rahmen der 1970er Jahre die Geschichte dreier Geschwister, deren Emanzipationsversuche aus einem von Gewalt und Verdrängung geprägten, nach außen idyllisch wirkenden Elternhaus unterschiedlich verlaufen. Im Zentrum stehen dabei das generationsübergreifende Verschweigen sexualisierter Gewalt, psychiatrische Internierung, patriarchale Ordnungen in Familie und Kirche sowie die Infragestellung von Erzählzuverlässigkeit und Zeugenschaft. D’Bomi ass dout (2018) spielt im Jahre 1972 und erzählt vom ersten Familienurlaub eines erst zehnjährigen Schachspielers, bei dem die Großmutter stirbt. Die von absurd-komischen Passagen geprägte Novelle handelt von gestörten Familienverhältnissen, von Ehestreit und Seitensprung sowie von Eltern-Kind-Divergenzen. Der Roman De Mann, deen ëmmer laacht (2018), ist eine Charakterstudie eines kleinkarierten, bösartigen, einsamen und misanthropen Beamten, der mit bürokratischen Mitteln Menschen schaden will. Kayser beschreibt einen von Zahlen besessenen Menschen, der einen zynischen Blick auf seine Umgebung wirft, der er sich zugleich nicht entziehen kann.
Der Thriller Gleef net, wat d'Fréijoer der versprecht (2020), in dem Joseph Kayser auf Themen aus früheren Romanen wie Inzest, Monotonie des Alltags und Junggesellentum zurückgreift, handelt von einem Archivangestellten in einer kurz vor der Schließung stehenden deutschen Privatbank in Luxemburg. Dieser gerät ins Fahrwasser von Geheimdiensten, nachdem ruchbar wird, dass nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges stillschweigend jüdische Depots und Kontenvermögen einbehalten wurden. Kayser verknüpft den Handlungsstrang um die Aufdeckung der Vermögenswerte, die zu einer lebensbedrohlichen Situation für den einzelgängerischen Archivars Schimberg, mit einer doppelten Liebesanbahnungsgeschichte: Zum einen lernt Schimberg eine unheilbar an Krebs erkrankte Nachfahrin einer jüdischen Familie kennen, zum anderen wird er mit einer früheren unerfüllten Liebe zur Tochter des von der nationalsozialistischen Rassehygiene überzeugten Bankdirektors konfrontiert.
In der in einem Bonneweger Bistro situierten Kurzgeschichte Déif gekillt (2020) spielen vier in diverse kriminelle Machenschaften verwickelte und strafrechtliche Folgen befürchtende Kneipenbesucher bei einem Kartenspiel um eine in einem Tiefkühler versteckte Leiche. Ihr Plan: Mithilfe eines fingierten Autounfalls soll der verbrannten Leiche die Identität des Siegers zugeschrieben werden, damit dieser sich unbemerkt ins außereuropäische Ausland absetzen kann.
Der nach dem finnischen Wort für Kindheit betitelte, auf Deutsch verfasste psychologische Roman Lapsuus (2021) beschreibt die Lebenskrise eines drittklassigen Journalisten, der nach Jahren der Abwesenheit in seinen als abgeschieden und unwirtlich charakterisierten Herkunftsort zurückkehrt, um einen Artikel über eine lokale Glockenweihe zu schreiben. Passend zum mehrdeutigen Titel entpuppt sich die zaghafte Heimkehr als eine nervenaufreibende Konfrontation mit der tragischen familiären Vergangenheit des an Gedächtnisverlust leidenden Ich-Erzählers, welche zur Frage nach dem Komplex von Bewusstsein, Erinnerung, Fehlverhalten und Wahrheit führt. Ein aussichtsloser Befreiungsschlag stellt eine überstürzte Reise zu den Urwäldern Finnlands dar, die durch die Begegung mit einem inselbegabten Autisten und einer abenteuerlustigen Fotografin ausgelöst wird.
Die vier stilistisch heterogenen Erzählungen des ersten auf Französisch publizierten Bandes Toujours jamais (2025) verhandeln unterschiedliche Formen des Umgangs mit Tod, Verlust und Erinnerung: Ein Rentner wacht neben seiner in der Nacht verstorbenen Ehefrau auf und ringt mit der Erblast gemeinsamer Versprechen; ein angehender Drehbuchautor verarbeitet ein beobachtetes Gewaltverbrechen zu einer metafiktionalen Filmhandlung; eine jugendliche Clique erlebt das rätselhafte Verschwinden einer Freundin an einem See; und im Laufe eines Interviews blickt ein pensionierter Journalist selbstkritisch auf seine berufliche Karriere.
Joseph Kayser veröffentlichte in der Anthologie Fresh from the Fountain (2018) eine Erzählung auf Englisch. Er ist Mitglied des 2020 gegründeten Schriftstellerverbandes A:LL Schrëftsteller*innen.
Veröffentlichungen
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Titel Prinzessin CharlotteJahr2017
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Jahr2018
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Jahr2018
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Titel Déif gekilltJahr2020
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Jahr2020
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Titel Lapsuus. RomanJahr2021
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Titel Toujours jamaisJahr2025
Sekundärliteratur
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Titel Lecture vun heiheem: "Prinzessin Charlotte" vum Joseph Kayser. In: RTL Kultur, 15.05.2017 [Online]Autor(in) Bea Kneip
Jahr2017 -
Autor(in) Bea Kneip
Jahr2017 -
Autor(in) Jean Rhein
Jahr2017
Mitgliedschaft
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A:LL Schrëftsteller*innen
Fotogalerie
Conter, Claude D./Reuter, Tim: Joseph Kayser. Unter: , aktualisiert am 23.02.2026, zuletzt eingesehen am .