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Foto: Tom Nisse


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© Philippe Matsas/CNL

Tom Nisse

Tom Rischette [geb.]
Luxemburg

Pseudonyme: Nisse

Tom Nisse, eigentlich Tom Rischette, besuchte von 1979 bis 1984 die Grundschule in Junglinster, sodann ein Jahr lang das Lycée classique in Echternach und von 1986 bis 1993 das Lycée Robert-Schuman in Luxemburg. In dieser Zeit begegnete er der Lyrikerin José Ensch, seiner damaligen Französischlehrerin, die seine Berufung zum Schriftsteller begleitete und förderte. Der junge Autor nahm des Weiteren an dem von Nic Klecker und René Welter im Lycée de garçons (Limpertsberg) organisierten Poesie-Atelier teil. Von 1993 bis 1994 und von 1994 bis 1995 studierte er Kunstgeschichte, dann germanistische Philologie an der Université libre de Bruxelles. Von 1996 bis 1998 setzte er seine studentische Laufbahn am Institut supérieur provincial de formation socio-éducative de Namur fort, um Erzieher zu werden. Von 1997 bis 2007 war er als Freiwilliger im soziopolitischen und kulturellen Bereich aktiv und arbeitete zugleich als Journalist (unter anderem für die Lütticher Zeitschrift C4) und Leitartikler. Von 2007 bis 2008 war er künstlerischer Leiter im Biliki Verlag in Brüssel, sodann assistierender Bibliothekar und Archivar an der Ecole d’architecture La Cambre-Horta. Zudem war er in verschiedenen Verlagshäusern als Mitglied des Lektorats oder in der Redaktion tätig, so etwa für Maelström in Brüssel, für L’Arbre à paroles in Amay und für die Revue bâtarde in Brüssel. Seit 1994 lebt Tom Nisse in Brüssel.

Tom Nisse ist vor allem  als Lyriker tätig. Er schrieb seine ersten Texte auf Deutsch, wählte dann aber Französisch als Literatursprache, um sich in Brüssel, wo er mittlerweile lebte, verständlich zu machen. Dort begann er auch, sich im Milieu der Subkultur zu bewegen, was sich als prägend für seine Lyrik erweisen sollte. Seine ersten Lyrikbände, Noté en passant (Paris) und Le Cahier rouge (Brüssel), erschienen 2007. Die meisten Veröffentlichungen des Autors erschienen danach in Brüssel, etwa Préludes au vieux sol (2008), Poèmes itinérants (2009), Pages volantes (2012), Antioxydant (2012, zusammen mit Antoine Wauters), Mots d’ordre (2012), Diasporas (2013) und Poèmes itinérants II (2015), oder in anderen Verlagsorten in Belgien, etwa in Amay für Reprises (2011) und Extraire (2016) und in Lüttich für Les Yeux usés (2010). Après (2015) ist sein erster in Luxemburg veröffentlichter Lyrikband. Contre la tactique de l’horloge (2016) und Fidèle à la marge (2018) wurden in Frankreich veröffentlicht. In den Werken des Lyrikers werden regelmäßig politische, soziale und ökologische Probleme, wie etwa das Schicksal von Asylanten, der Neoliberalismus, der Einfluss herrschender Systeme, die Sparpolitik oder die Gefährdung durch Atomenergie, angeprangert. Den Weg zur Heilung dieser Wunden findet der Lyriker mittels individueller Bewegungen, Umherirren und Begegnungen sowie zerfetzter Erinnerungen und Reflexionen über die Freiheiten und Einschränkungen des Individuums, Protestaktionen (unter anderem durch Raumbesetzung) sowie Fraternität, körperlicher Liebe und künstlerischem Zusammenspiel. Ob in Brüssel, Berlin oder Paris, der Stadtraum liefert Eindrücke und bietet Anlass zum Flanieren, Beobachten und Widersprechen. Tom Nisses Schreiben lehnt sich an die Avantgarde an, vorzugsweise an den belgischen Surrealismus und an die Dada-Bewegung. Besondere Aufmerksamkeit  gilt den Klangfarben und dem Rhythmus im Einklang mit den Themen des Werkes - eine Besonderheit, die manchmal an die Poeten der Beat Generation denken lässt. Zahlreiche Vorbilder fließen in das Werk ein, unter ihnen die Belgier Serge Delaive, Tom Gutt, Pascal Leclercq oder Jacques Izoard, sowie die Luxemburger Lambert Schlechter, Anise Koltz, Jean Krier, die Brüder Nico Helminger und Guy Helminger und Alexandra Fixmer.

Tom Nisse tritt auch öffentlich als Lyriker auf. In Anlehnung an André Stas oder Gilles Brenta wendet er die Collage-Technik an und stellt seine Bilder in temporären Veranstaltungsorten, etwa der Quincaillerie des Temps Présents in Ixelles, aus. Dort fand 2015 unter anderem eine gemeinsame Ausstellung mit dem belgischen Künstler Luc Fierens statt. Darüber hinaus organisiert und beteiligt sich Tom Nisse an Lesungen und Performances, etwa am "Festival d’Arts Littéraires, Poétiques et Musicaux L’Arbre de vie" des Verlags Maelström und am "Underground Poetry Fest" in Brüssel sowie am Festival "Livresse" in Charleroi, am "Printemps des poètes" in Luxemburg oder am "Poem’art" in der  KUFA in Esch/Alzette. Tom Nisse sucht den Dialog und den Austausch mit anderen Künsten. So wird er regelmäßig von Nicolas Ankoudinoff am Saxophon begleitet und hat mit der plastischen Künstlerin Sixtine Jacquart zusammengearbeitet.

Darüber hinaus veröffentlicht der Autor Prosatexte. Plaidoyer pour le retour (2003), Les Travailleurs de la nuit (2009) und Se confondre au paysage (2018) konzentrieren sich auf Kernthemen, die z.T. dieselben sind wie die seiner Lyrik. Der schmale Band Dénicher erschien in der Reihe „Bruxelles se conte“ des Maelström Verlags und kann mit dem etwas später erschienen Band Chiner von Célestin de Meeûs in Verbindung gesetzt werden.  Es handelt sich hierbei um ein fragmentarisches Tagebuch in dem der Autor zwischen Mai und September 2016 seine Besuche auf diversen Floh- und Trödelmärkten sowie Straßenverkäufen in Brüssel und Arlon aufzeichnet. Scheinbar Anekdotisches, wie etwa der Kauf einer Schallplatte, eine Begegnung oder eine Tasse Kaffee, aber auch Verkaufsgespräche, Versuchungen und Beobachtungen, geben das Ambiente der Stadtviertel wieder und deuten auf die Verarmung der Anwohner oder die (Krisen-)Situation hin, in der sich die belgische Hauptstadt befindet. 2017 erschien Une vérification de l’origine, eine Erzählung, in der Tom Nisse an jene Orte zurückkehrt, die seine Kindheit und Jugend geprägt haben. Ausgehend von einem mit einem Diktiergerät aufgenommenen Spaziergang durch Luxemburg-Stadt, schlägt der Autor Wege ein, die ihn vom Stadtviertel Limpertsberg ins Stadtviertel Belair führen und ihn zu einer Hinterfragung eines zugleich geographischen, emotionalen, intuitiven und sinnlichen Gedächtnisses anregen. Dabei werden seine Eltern, seine Großmutter, seine Jugendlieben sowie der Bildhauer Auguste Trémont und der Maler Joseph Kutter evoziert. Das sich ihm offenbarende Landschaftsbild wird kritisch zur Kenntnis genommen und einem Exkurs in die Ursprünge der Stadt sowie rückblickenden Reflexionen über den werdenden Dichter zur Seite gestellt. Dabei wird auch seine ehemalige Französischlehrerin, die Lyrikerin José Ensch, erwähnt, die ihn zum Schreiben ermutigte und der er im gleichen Jahr eine Hommage in der Zeitschrift Les Cahiers luxembourgeois widmete.

In den Jahren 2011 und 2018 veröffentlichte der Lyriker zwei Werke, in denen er seine Auffassung der Dichtkunst darlegt. In Reprises de positions (2011), einem Manifest für die Lyrik, stellt Tom Nisse diese als realistische Kunst dar, die mit der Realität verflochten ist und das Kollektiv miteinbezieht. Er beruft sich dabei insbesondere auf das Umherirren, die poetische Performance und die künstlerische Eroberung des öffentlichen Raums als Akte der Verteidigung der Schönheit. Er behandelt darin auch die Arbeit des Lyrikers, die sich für ihn keineswegs nur auf die Wechselfälle der Inspiration beschränken lässt, sondern der, im Gegenteil, ein schwieriger Reflexionsprozess zu Grunde liegt. Sein Werk Discours sur la littérature. Digressions et résistance (2018) knüpft an das Manifest an. Es entstand während der Autorenresidenz LCB/Bourse Bicherfrënn im Jahr 2017 und verbindet Nisses lyrische Theorie mit den materiellen Begebenheiten seines Aufenthalts in Burglinster. Ausgehend von seiner Heimaterde, der Veränderung von Landschaften oder auch der Legende der Gräfin von Zitzewitz, die sich um das Schloss Bourglinster rankt, betrachtet er die Lyrik als Handlung, unabhängig davon, ob es sich dabei um einen Kampf, um Ungehorsam oder um den Umgang mit der Realität handelt. Des Weiteren erhebt er das Liebesgedicht zum Ausdruck der höchsten Perfektion der Dichtkunst, die das, was die Menschheit beherrscht, bewegt und verwandelt, künstlerisch umsetzen soll. Seine Abhandlung ist zudem gespickt mit Exkursen, mal um die theoretischen Aspekte zu stützen, mal als lyrischer Rohstoff, der manchmal auch von anderen Schriftstellern übernommen wird (Novalis, Monika Rinck oder auch Yannis Ritsos).

Seit 2007 widmet sich Tom Nisse des Weiteren der Übersetzung und übertrug 2008 die Gedichte des Sammelbandes L’Amour aux temps de l’UE. Die Liebe in Zeiten der EU sowie Gedichte von Ann Cotten  (En sonde de sentiments vers l’univers, 2009), Monika Rinck (Supercortemaggiore!, 2009), Angela Sanmann (berlin. (non)simultané, 2009), Kai Pohl (Pointes du mouvement, 2015) und Tom Schulz (Je voulais m’injecter un été, 2015) aus dem Deutschen ins Französische sowie 2010 Gedichte von Pierre Guéry (Alien-nation) und Serge Delaive (Wie er heute stolperte) aus dem Französischen ins Deutsche. Umgekehrt wurden einige seiner eigenen Gedichte von Jérôme Netgen im Band Dass ich dich so beschnuppere (2012) ins Deutsche übersetzt. 

Tom Nisse gründete, zusammen mit Célestin de Meeûs, die Brüsseler Lyrikzeitschrift On peut se permettre (*2015), in der er sowohl eigene Texte als auch Übersetzungen und Collagen veröffentlicht. Er liefert außerdem Beiträge für diverse Zeitungen und Zeitschriften: in Belgien (anfänglich die kommunistische Avancées und die anarchistische Monatszeitschrift Alternative libertaire, später Microbe, La Brucellôse, Langue vive), in Deutschland (lauter niemand, floppy myriapoda) und in Luxemburg (Queesch, Transkrit, La Voix du Luxembourg, Tageblatt, Le Jeudi, in der er die regelmäßige Kolumne Proses du réel veröffentlichte), und publiziert in der Online-Zeitung Le Monde libertaire. Zudem wirkte er an Sammelbänden mit, wie etwa Hasta la vista Johnny ! (2011) der Walfer Bicherdeeg, En partage. Le Luxembourg d'ici et d'ailleurs (2013), Momento nudo (2013) oder auch Grand Tour. Reisen durch die junge Lyrik Europas (2019).

Der Autor ist überdies gelegentlich in der Troupe Poétique Nomade des Maelström Verlags tätig sowie bei Indekeuken in Brüssel, einem Kollektiv für zeitgenössische Kunst, das gleichzeitig soziopolitische Denkfabrik ist. Im Rahmen der 3. Auflage des Printemps poétique transfrontalier (2016) nahm er an einer Schreibresidenz am Künstlerhaus Edenkoben in Rheinland-Pfalz (Deutschland) teil. 2017 war er Gast bei der Autorenresidenz LCB (Literarisches Colloquium Berlin) in Berlin und Burglinster.

Dieser Artikel wurde verfasst von Ludivine Jehin

Veröffentlichungen

Übersetzungen

Mitarbeit bei Zeitungen

  • Titel der Zeitschriften
    Cahiers luxembourgeois (Les). revue libre des lettres, des sciences et des arts
    Verwendete Namen
    Tom Nisse
  • Titel der Zeitschriften
    Jeudi (Le). l'hebdomadaire luxembourgeois en français
    Verwendete Namen
    Tom Nisse
  • Titel der Zeitschriften
    On peut se permettre
    Verwendete Namen
    Tom Nisse
  • Titel der Zeitschriften
    Tageblatt / Escher Tageblatt = Journal d'Esch. Zeitung fir Lëtzebuerg
    Verwendete Namen
    Tom Nisse
  • Titel der Zeitschriften
    transkrit. Revue littéraire - Zeitschrift für Literatur
    Verwendete Namen
    Tom Nisse
  • Titel der Zeitschriften
    Voix du Luxembourg (La)
    Verwendete Namen
    Tom Nisse

Sekundärliteratur

Auszeichnungen

Zitiernachweis:
Jehin, Ludivine: Tom Nisse. Unter: , aktualisiert am 30.09.2020, zuletzt eingesehen am .