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Foto: Anise Koltz


Foto:
© Wolfgang Osterheld/Collection CNL

Anise Koltz

Luise Anna Blanpain [geb.]
Luxemburg-Eich

Pseudonyme: Lotte Markus

Anise Koltz ist die Tochter einer luxemburgischen Mutter und eines belgischen Vaters, Raymond Hubert Blanpain. Sie besuchte das Lycée de jeunes filles in Luxemburg, brach jedoch ihre Sekundarstudien ab um den Arzt René Koltz, den späteren Direktor des Staatsbades Bad Mondorf, zu heirateten. Als Mutter von drei Kindern konzentrierte sie sich zunächst auf die Familie. Sie nahm an Kongressen und Dichtertreffen teil und rief 1962, zusammen mit ihrem Ehemann René Koltz, Nic Weber, Edmond Dune und Horst Bingel, die Mondorfer Dichtertage ins Leben. Letztere fanden bis 1974 statt und wurden später, nach einer Unterbrechung, von 1995 bis 1999 von Anise Koltz zusammen mit Jean Portante weitergeführt. In Anlehnung an die Tradition der deutsch-französischen Begegnungen in Colpach, denen sich Anise Koltz als Großnichte von Émile Mayrisch verpflichtet fühlte, sollten diese Literaturveranstaltungen Autoren unterschiedlicher Nationalität zusammenführen und insbesondere einen deutsch-französischen Austausch anregen. Bei den Mondorfer Dichtertagen diskutierten und lasen u. a. Thomas Bernhard, Peter Handke, Gabriele Wohmann, Walter Helmut Fritz, Alain Bosquet, Jacques Izoard, Michel Deguy, Eugène Guillevic oder Gisèle Prassinos. Nach dem Tod ihres Mannes 1971 arbeitete Anise Koltz als Bibliothekarin in der Thomas Mann-Bibliothek in Luxemburg (1972-1975). Dort pflegte sie den intellektuellen Austausch mit der literarischen Welt und stellte Beziehungen zum internationalen Literaturbetrieb her. Anise Koltz war Mitglied der SELF und des LSV. Sie ist Mitglied der Académie Mallarmé (Paris), des PEN Club de Belgique, des PEN Club français und des Institut grand-ducal, Section des arts et des lettres. 1996 gründete sie, zusammen mit Alain Bosquet, die Académie européenne de Poésie, deren Präsidentin und ab 2008 Ehrenpräsidentin sie war. Sie engagiert sich außerdem im humanitären Bereich.

Die Schriftstellerin, die gewöhnlich als „Grande Dame“ der Luxemburger Literatur bezeichnet wird, schrieb zunächst auf Deutsch. Zwischen 1953 und 1973 veröffentlichte sie Kurzgeschichten (Die Blumenwiese und andere Märchen, Märchen, Der Wolkenschimmel und andere Erzählungen) die von der Unsicherheit und dem Gefühl der Absurdität in der Nachkriegszeit handeln, sowie Gedichtbände (Gedichte, Spuren nach innen, Steine und Vögel, Den Tag vergraben oder Fragmente aus Babylon) in denen sie existenzielle Fragen des menschlichen Lebens aufwirft. 1966 erschien Le Cirque du soleil, ein zweisprachiger Gedichtband, der von Andrée Sodenkamp übersetzt wurde und der den Beginn einer langen in Frankreich veröffentlichten Reihe von Büchern markierte. Der Tod ihres Ehemannes, der 1971 an den Spätfolgen der Misshandlungen während des Zweiten Weltkrieges starb, stellte einen Wendepunkt in Anise Koltz' literarischer Laufbahn dar. Von nun an wandte sich die Schriftstellerin vom Deutschen ab und machte Französisch zu ihrer Literatursprache. Anise Koltz ist vor allem Lyrikerin, veröffentlichte aber auch einen autobiographischen Prosaband, La Lune noircie (2009), sowie einige Märchen und Erzählungen für Kinder in deutscher, luxemburgischer und französischer Sprache (Die Blumenwiese und andere Märchen, D'Chrëschtkënnche kënnt, De Clown), die sie auch selbst illustrierte. Die konzentrierte, komprimierte, selbstkritische Lyrik der Anise Koltz stellt die Wörter auf die Probe der Zeit, des Schweigens, des Todes und des menschlichen Daseins. Ihre von Ablehnung und verzehrenden Sünden durchwirkte Dichtung vermittelt Eindrücke aus fernen Ländern und Zivilisationen, etwa von den Ufern des Nils, und seziert eine zerrüttete Welt, in der unheilverheißende Vögel und ein verletztes Bewusstsein von bedrohlichen Revolten durchbebt werden. Das auf sich allein gestellte lyrische Ich lotet mögliche Überschreitungen aus, durchquert die Zeitalter und zersetzt zugleich Körper und Seele. Im Angesicht gefährlicher Bedrohungen ruft Anise Koltz Steine und Feuersgluten an und evoziert unermüdlich die Fremdheit von Blutsbanden, die durch eine beunruhigende Mutterfigur verkörpert werden. Dabei lehnt die Dichterin Gott und die christliche Weltanschauung ab, um sich der Sprache als heiliges Refugium zuzuwenden; obwohl sie den Wörtern misstraut, bedient sie sich ihrer dennoch, um die Festungsmauern ihrer Existenz aufzubrechen. Nach der Veröffentlichung zahlreicher Lyrikbände in Luxemburg (Ailes de couteau (1978), Souffles sculptés (1988), Le Mur du son (1997), Le Porteur d’ombre (2001) oder La Muraille de l’alphabet (2010)) und in Frankreich (Le Jour inventé (1975), La Terre monte (1980), L’Ailleurs des mots (2007), Je renaîtrai (2011), Soleils chauves (2012), Galaxies intérieures (2013) oder Un monde de pierres (2015)) wurde sie mit der Lyrikanthologie Somnambule du jour (2015) als erste luxemburgische Schriftstellerin in die Lyrik-Reihe des Gallimard Verlags aufgenommen.

Anise Koltz veröffentlichte einzelne Gedichte in ausländischen Zeitschriften wie Le Temps parallèle, Dire, Le Journal des poètes, Das Gedicht, Streit-Zeit-Schrift oder der Lyrikzeitschrift Arpa. Sie wirkte bei den Zeitschriften Les Cahiers luxembourgeois, Galerie, Arts et lettres, abril und forum mit. Einige Reiseerzählungen über Ägypten und Indien sind in Die Warte-Perspectives und in d'Lëtzebuerger Land erschienen. Texte von Anise Koltz erschienen des Weiteren in luxemburgischen und ausländischen Anthologien wie Deutsche Lyrik. Gedichte seit 1945 (Deutschland, 1961), La poésie française depuis 1950 (Frankreich, 1979), Une Europe des poètes (Frankreich, 1991), Anthologie des rencontres poétiques internationales en Suisse romande (Frankreich, 1994), World. Poems on the Underground (England, 2012), Mon royaume pour un livre (Frankreich, 2013), e-gutenberg (Luxemburg, 2014) ou encore Hällewull (Slowenien, 2014). Sie war 1995 und 1997 Mitherausgeberin der Anthologien der Mondorfer Dichtertage. Anise Koltz schrieb auch literaturkritische Beiträge wie La littérature de la République fédérale d'Allemagne in La Dryade (1975) und La littérature au Grand-Duché de Luxembourg in La Revue générale (1990).

Gedichte von Anise Koltz wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt, etwa ins Französische, Englische, Spanische, Niederländische, Portugiesische, Rumänische, Ungarische, Bulgarische, Polnische, Russische, Schwedische, Mazedonische… Sie selbst übertrug Léopold Sédar Senghor und Andrée Sodenkamp ins Deutsche. Einige Gedichte wurden von Lou Koster, Camille Kerger, Albena Petrovic-Vratchanska, Claus Krumlovsky, Josy Meisch, Edmond Cigrang und Pierre Even vertont. Mehrere Lyrikbände wurden darüber hinaus illustriert, unter anderem von Hap Grieshaber, Anna Recker, Marc Pessin, Philippe Galowich oder Joseph Probst. Anise Koltz veröffentlichte auch Künstlerbücher, etwa L'Ombre déchaussée (1997) zusammen mit Robert Pillard-Valère, Naissances accélérées (1980) mit Roger Bertemes oder Hochsommer (2016) mit Kasia Lewandowska.

Anise Koltz ist eine unumgängliche Persönlichkeit der Luxemburger Literaturwelt und eine Botschafterin der Literatur ihres Landes. Im Rahmen der Mondorfer Dichtertage bildete sie unter anderem mit José Ensch, Gisèle Prassinos und Andrée Chedid einen Literaturkreis. Sie beteiligt sich darüber hinaus regelmäßig an internationalen Lyrikertreffen, etwa dem „Printemps des poètes“ oder dem „Poetry Parnassus“ in England, und pflegte eine umfangreiche und regelmäßige Korrespondenz mit Schriftstellern aus der ganzen Welt, wie z.B. Thomas Bernhard, Hermann Hesse, René Ménard, Alain Bosquet, Jean-Claude Renard, Andrée Chedid oder Ilse Aichinger. Anise Koltz ist auch politisch und sozial engagiert: sie unterstützte Aktionen zur Verteidigung der Menschenrechte und trat für verfolgte Dichter und Opfer von Katastrophen wie der griechischen Wirtschaftskrise ein. 1998 verfasste sie Enfants du monde, einen zugunsten von SOS Interfonds Luxembourg veröffentlichten Fotobericht.

Anise Koltz' Werk wurde mehrfach ausgezeichnet. Die Dichterin erhielt nationale Preise, etwa den Prix national de littérature (1961), den Prix Batty Weber (1996) und den Prix Servais (2008). In Frankreich wurde sie mit dem Prix Claude-Sernet (1981), dem Prix Jean Malrieu (1991), dem Prix Apollinaire (1998), dem Prix de littérature francophone Jean Arp de l'Association capitale européenne des littératures (2009), dem Prix Théophile Gautier (2011), dem Prix des Découvreurs (2012) und 2016 mit dem Prix Robert Ganzo de poésie, der während des Festivals « Etonnants voyageurs » in Saint-Malo verliehen wird, ausgezeichnet. International erhielt sie des Weiteren den Prix Blaise-Cendrars (Schweiz, 1992), den Prix Antonio-Viccario (Brüssel, 1994), den International Prize of the best poem/Struga poetry evenings (Mazedonien, 1994), den Grand Prix de littérature hors de France, den Prix de la Fondation Nessim Habif (Académie royale de langue et de littérature françaises in Belgien, 1994), den Rheinlandthaler (Deutschland, 1997), den Prix de l'Unione lettori italiani, Un libro per la scuola, un autore per domani (Italien, 2003), den Prix Jans-Smrek (Slowakei, 2006) und den Parnasszus Poetry Award (Budapest, 2009). 2018 wurde Anise Koltz für ihr Gesamtwerk mit dem Goncourt de la poésie Robert Sabatier ausgezeichnet.

Dieser Artikel wurde verfasst von Frank Wilhelm und Ludivine Jehin

Veröffentlichungen

Übersetzungen

Mitarbeit bei Zeitungen

  • Titel der Zeitschriften
    ALP. art + littérature + politique
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  • Titel der Zeitschriften
    Arts et lettres. publication de la Section des arts et des lettres de l'Institut grand-ducal
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  • Titel der Zeitschriften
    Cahiers luxembourgeois (Les). revue libre des lettres, des sciences et des arts
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    Lotte Markus
  • Titel der Zeitschriften
    Carleton Germanic Papers
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  • Titel der Zeitschriften
    Dire. Revue européenne de poésie
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  • Titel der Zeitschriften
    Doppelpunkt
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    Anise Koltz
  • Titel der Zeitschriften
    Dryade (La). revue d'art et d'humanisme
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  • Titel der Zeitschriften
    forum. fir kritesch Informatioun iwer Politik, Kultur a Relioun
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  • Titel der Zeitschriften
    Galerie. Revue culturelle et pédagogique
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  • Titel der Zeitschriften
    Gedicht (Das). Zeitschrift für Lyrik, Essay und Kritik
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  • Titel der Zeitschriften
    Jeune poésie européenne. mensuel de création et d'information poétique culturelle et artistique
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    Anise Koltz
  • Titel der Zeitschriften
    Journal des poètes (Le)
    Verwendete Namen
    Anise Koltz
  • Titel der Zeitschriften
    Lëtzebuerger Land (d') / d'Letzeburger Land / LL. unabhängige Wochenschrift für Politik, Wirtschaft und Kultur
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    Anise Koltz
  • Titel der Zeitschriften
    Nouvelle Revue Française (La) / N.R.F.
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    Anise Koltz
  • Titel der Zeitschriften
    Nouvelles Pages de la SELF (Les)
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    Anise Koltz
  • Titel der Zeitschriften
    Origine I. revue franco-italienne de poésie
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    Anise Koltz
  • Titel der Zeitschriften
    Reenbou. revue plurilingue de poésie = pluringual poetry magazine
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    Anise Koltz
  • Titel der Zeitschriften
    Revue générale belge
    Verwendete Namen
    Anise Koltz
  • Titel der Zeitschriften
    Sud. Revue littéraire
    Verwendete Namen
    Anise Koltz
  • Titel der Zeitschriften
    Temps parallèle (Le)
    Verwendete Namen
    Anise Koltz
  • Titel der Zeitschriften
    Traversées. Revue littéraire trimestrielle
    Verwendete Namen
    Anise Koltz
  • Titel der Zeitschriften
    Warte (Die) = Perspectives. Supplément culturel du Wort
    Verwendete Namen
    Anise Koltz
  • Titel der Zeitschriften
    zäsur. unter Mitarbeit von epoche
    Verwendete Namen
    Anise Koltz

Sekundärliteratur

Auszeichnungen

Mitgliedschaft

  • Académie européenne de poésie
  • Académie Mallarmé (Paris)
  • Institut grand-ducal Section des arts et des lettres
  • LSV - Lëtzebuerger Schrëftstellerverband [1986-2016]
  • Mondorfer Dichtertage
  • PEN Club français
  • PEN International. Centre belge d’expression française
  • SELF / S.E.L.F. - Société des écrivains luxembourgeois de langue française

Archiv

Zitiernachweis:
Wilhelm, Frank/Jehin, Ludivine: Anise Koltz. Unter: , aktualisiert am 11.01.2021, zuletzt eingesehen am .