Wir verwenden essenzielle Cookies, um Ihnen ein besseres Erlebnis auf unserer Website zu gewährleisten. Mehr erfahren

Foto: Samuel Hamen


Foto:
© Maria Mast

Samuel Hamen

Luxemburg

Pseudonyme: Linus Molitor ; Linus I. Molitor ; Fern Schaus ; S.H.

Samuel Hamen besuchte von 1994 bis 2000 die Grundschule in Diekirch und von 2000 bis 2007 das dortige Lycée classique. Anschließend studierte er Germanistik und Geschichte an der Universität Heidelberg, wo er ein Promotionsprojekt über den deutschen Lyriker Thomas Kling verfolgte. Er ist Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Literaturkritiker und lebt zwischen Luxemburg und Heidelberg.

Zwischen 2010 und 2013 war Hamen Mitglied der Literaturgruppe ›die gasse‹ in Heidelberg und nahm an Lesungen und Performances teil, u. a. im von Frank Hoffmann zu dessen Heidelberger Studienzeit mitgegründeten Romanischen Keller. Von 2011 bis 2012 war er redaktionelles Mitglied des Magazins für Studierende [Lautschrift]. Kleinere Prosa- und Lyrikarbeiten veröffentlichte er, teilweise unter Pseudonym, in der Schweizer Zeitschrift für Literatur entwürfe, in der deutschen Literaturzeitschrift [SIC], sowie ab 2017 in Les Cahiers luxembourgeois.

Als Literatur- und Kulturwissenschaftler war Hamen 2017 Mitbetreuer einer Ausstellung über Christoph Ransmayr im Literaturmuseum der Moderne in Marbach. Er trat mit literaturwissenschaftlichen Studien über Batty Weber (2017) und Léopold Hoffmann (2015), dessen Ausgewählte Werke (2020) er überdies in einer kommentierten Ausgabe herausgab, hervor. Er verfasste Texte für die Fotobände 600 Kilo Quetschekraut an 80 Bouletten (2022) von Patrick Galbats und Daniel Wagener sowie Transhumanz (2025) von Liz Lambert und war mit der Redaktion des von der damaligen österreichischen Botschafterin in Luxemburg Melitta Schubert initiierten Interviewbandes Österreich und Luxemburg im Dialog (2023) betraut. Eine Auseinandersetzung mit Protagonisten der luxemburgischen Literatur und Literaturgeschichte offenbart sich ebenfalls in Form von wiederholten Verweisen in seinen literarischen Werken.

Seit 2014 ist Hamen Literaturkolumnist für deutsche und luxemburgische Medien, in denen er zeitdiagnostische Essays und Feuilletonbeiträge auf Deutsch und auf Luxemburgisch publiziert. So erschienen unter dem Titel Vun alle Säiten – Iwwer d’Literatur zu Lëtzebuerg Beiträge im Lëtzebuerger Journal (2014-2017), die medienkritische Kolumne Mediebëtzeg in kulturissimo (2016-2017) und die Essayreihe Was fehlt: in forum (2020-2021). Er publiziert oder publizierte überdies in Die Warte, Livres-Bücher, d’Lëtzebuerger Land und Tageblatt und liefert Beiträge für den Sender Radio 100,7. In Deutschland ist er freier Mitarbeiter von Zeit Online, Deutschlandfunk und Deutschlandfunk Kultur. Auch betrieb Hamen von 2015 bis 2020 seinen eigenen Literaturblog Ltrtr.de und verfasste bzw. verfasst Artikel bzw. Rezensionen für die deutschen Online-Medien tell-review.de (2016-2017), akteur-magazin.de (2015-2016), 54books.de (2017-2021) und seit 2026 Berlin Review (blnreview.de). In den Jahren 2023 bis 2025 gehörte er der Jury des Wilhelm-Raabe-Literaturpreises an. Er moderierte auch Lesungen und Gespräche, etwa mit Marcel Beyer, Nora Gomringer, Guy Helminger, David Wagner und Christopher Clark.

Hamens erste selbstständig erschienenen literarischen Werke bedienen sich des Luxemburgischen und thematisieren Fragen der biografischen Wahrheit und des Verhältnisses zwischen autobiografischem Erzählen und Fiktion. So berichtet in der Erzählung V wéi vreckt, w wéi Vitess (2018) ein angehender Autor von seinen Psychotherapiesitzungen sowie von Handlungen, Beobachtungen und Gedanken vor und nach diesen Terminen. In den erzählerischen Hauptstrang montiert sind Mitteilungen, die er in der Nacht zum letzten Therapietag auf die Voicemailbox des in Köln lebenden luxemburgischen Schriftstellers Guy Helminger. Verhandelt wird in der Erzählung, neben den Versuchen des Protagonisten, sein zersplittertes Leben in den Griff zu bekommen, auch die Frage nach einem authentischen Zugang zur biografischen Vergangenheit. V wéi vreckt, w wéi Vitess entwirft überdies ein Bild der Stadt Luxemburg mit zeitgenössischen Literaturorten wie dem Café-Theater Rocas und erwähnt neben Helminger auch den Autor Tullio Forgiarini. Die drei im Band Zeeechen (2019) versammelten, zunächst einzeln in den Cahiers luxembourgeois erschienenen Erzählungen handeln vom Heranwachsen des jeweils gleichen Ich-Erzählers in der Luxemburger Provinz um die Jahrtausendwende. Sie schildern Schlüsselmomente seiner fragmentarisch dargebotenen Lebensgeschichte und reflektieren über den Schreib- und Erzählprozess. Dem Verhältnis von autobiografischem Erzählen und Fiktion geht Hamen auch in kritischen Texten nach, etwa in Die neue Ego-Literatur (tell-review.de).

Die beiden darauffolgenden Werke erschienen im deutschsprachigen Ausland und in deutscher Sprache. So verfasste er für die Reihe Naturkunden des Verlags Matthes & Seitz den Band Quallen (2022), der sich seinem titelgebenden Thema vor allem unter kulturhistorischer Perspektive nähert. Literatur-, kunst-, film-, wissenschafts- und gendergeschichtliche Aspekte fügen sich zu einem Portrait dieser auch als Medusen bezeichneten, oft mit Weiblichkeit assoziierten zoologischen Familie und der mit ihnen verbundenen kulturellen Symboliken. Der Roman Wie die Fliegen (2023) ist in einer dystopischen Zukunft verortet und denkt derzeitige technische, ökologische und gesellschaftliche Entwicklungen weiter. Das narrativ dichte Werk, in dem manches nur angedeutet wird oder rätselhaft bleibt, bedient sich auf der Handlungsebene der Genrekonventionen des Kriminalromans und der Spekulativen Fiktion. In einer durch Umweltdesaster geprägten Welt gründet ein autoritärer Staat seine Herrschaft auf die Verwertung einer mysteriösen und potenziell gefährlichen Materie. Um im Fall eines verschwundenen Teenagers zu recherchieren, wird eine Ermittlerfigur in eine Stadt entsandt, in der sich das für diese Materie zuständige Institut befindet und in der befremdliche Phänomene, Anomalien und Verhaltensweisen sich zunächst einer sinnvollen Lektüre entziehen. Im Verlauf der Ermittlungen eröffnen sich ihr Einblicke in die Funktionsweise des Bewusstseinsinhalte manipulierenden, schwer durchschaubaren Systems, aber auch in ein diffus-widerständiges Jugendmilieu, das sich um eine Sängerin und den Konsum einer verbreiteten Droge gebildet hat.

In den Jahren 2023 bis 2025 nimmt Hamen in drei narrativ-essayistischen Texten zu poetologische Fragen Stellung. Betont wird die Funktion der Einbildungskraft als Kontrapunkt zur Bürde einer engen Faktizität und die Eröffnung alternativer Imaginationsräume. So beschreibt er im Text Verhaltensweisen (2023) Erfahrungen, die zu einer Klärung seines dichterischen Selbstverständnisses und seiner Literaturauffassung führten, wobei der Gedanke der Distanznahme von einer als erdrückend konzeptualisierten Nähe zur Wirklichkeit und zu den Dingen sowie jener des Perspektivwechsels und der Befreiung der Wahrnehmung durch die Kunst, hier Film und Literatur, eine Rolle spielen. Diese Überlegungen werden in der Dankesrede zur Überreichung des Servais-Preises (Eine Vorstellung, sich freizusetzen in eine gänzlich andere Welt, 2024) und im Vorwort zu Angstvoll und leicht sehnsüchtig (2025), einer von ihm herausgegebenen Sammlung Spekulativer Fiktion von Autoren aus Deutschland, der Schweiz und Luxemburg (u. a. Luc François), weiter ausgeführt.

Wie in letzterem Text steht auch in LTZBG. Dräi eestëmmeg Geschichten (2025) eine Durchleuchtung Luxemburgs und seines gesellschaftlichen Klimas im Mittelpunkt. In drei Monologen entsteht das Bild einer durch Alternativlosigkeit und bürgerliche Konformität geprägten Mentalität, in der drei auf je eigene Weise desillusionierte Figuren den ihnen verbleibenden Imaginations- und Möglichkeitshorizont ausloten.

Samuel Hamen tritt ebenfalls als Dramatiker hervor. Im Juli 2019 wurde im Rahmen des Projekts ›Kaz am Sak‹ des Künstlerkollektivs MASKéNADA sein Stück ëm- in Wiltz aufgeführt. Es handelt von russischen Immigranten, die 1917 vor den revolutionären Wirren geflohen und über Umwege nach Wiltz gelangt waren, wo sie in den Ideal Lederwerken Arbeit fanden. Das Stück fokussiert auf die Frauen der Familie eines ehemaligen zaristischen Offiziers. Zum zweihundertjährigen Geburtsjubiläum von Dicks wurde Hamen 2023 zusammen mit dem Regisseur Jacques Schiltz mit einer Aktualisierung von dessen Operette D’Mumm Séis oder De Geescht beauftragt, die unter dem invertierten Titel De Geescht oder D’Mumm Séiss (2023) auf die Bühne gebracht wurde. Während der Spielzeiten 2022/23 und 2023/24 war er Hausautor des TNL und erstellte u.a. zusammen mit der Regisseurin Anne Simon 2023 das Programm Falsche Sonne/False Sun mit Texten der britischen Schriftstellerin Anna Kavan. Als Auftragsarbeit für das TNL entstand 2024 Ech sinn um Enn vun deem, wat ass, ein Monolog über, so der Untertitel, D’Virstellungskraaft an Zäite vun de Krisen, der unter dem Titel Um Enn sinn in den Band LTZBG einging. Das in der Reihe Kappkino der Openscreen a.s.b.l. entstandene Hörspiel Blablablastik thematisiert den Kunststoff unter gesellschaftlichen und alltagsgeschichtlichen Aspekten und macht zugleich seine charakteristischen Geräusche hörbar. Es wurde 2025, wiederum unter der Leitung von Anne Simon, im Kasemattentheater produziert.

Hamen gehörte 2020 zu den Gründungsmitgliedern des Schriftstellerverbandes A:LL Schrëftsteller*innen, der den Lëtzebuerger Schrëftstellerverband (LSV) beerbte und dem er von seiner Gründung bis 2023 vorstand. In einem von Claire Schmartz moderierten Gespräch unterhält er sich mit Jhemp Hoscheit über diese beiden Verbände (Fundstücke/Trouvailles, 2024).

Samuel Hamen ist der Empfänger mehrerer Auszeichnungen. Für den Kurzprosatext Busbahnhof HD wurde er 2016 mit dem Hans-Bernhard-Schiff-Hauptpreis ausgezeichnet. Beim Concours littéraire national 2018 erhielt er den dritten Preis für das Theaterstück Tagebuch des Fremdalterns und beim Concours littéraire national 2019 den ersten Preis für den dystopischen Kriminalroman auf Luxemburgisch I. L. E., dessen deutschsprachige Überarbeitung der Roman Wie die Fliegen darstellt, der seinerseits 2024 mit dem Prix Servais ausgezeichnet wurde. 2020 war er Stipendiat der mit einer Autorenresidenz am Literarischen Colloquium Berlin (LCB) verbundenen Bourse Bicherfrënn und erhielt im selben Jahr den Lëtzebuerger Buchpräis für Zeeechen. 2021 wurde ihm ein Jahresstipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg, 2022 ein Stipendium der Roger Willemsen Stiftung zuerkannt. Von 2022 bis 2024 war er, wie erwähnt, Hausautor des TNL, und für die Jahre 2024 bis 2027 wurde ihm eine Autorenresidenz als ›artiste-associé‹ der Kulturfabrik Esch-Alzette zugesprochen. Im Jahr 2025 absolvierte er im Rahmen einer gekreuzten Schreibresidenz zwischen Heidelberg und Montpellier einen einmonatigen Aufenthalt in der südfranzösischen Stadt.

Dieser Artikel wurde verfasst von Pierre Marson

Veröffentlichungen

Sonstige Mitarbeit

Übersetzungen

Mitarbeit bei Zeitungen

  • Titel der Zeitschriften
    [SIC]. Zeitschrift für Literatur
    Verwendete Namen
    Samuel Hamen
  • Titel der Zeitschriften
    Cahiers luxembourgeois (Les). revue libre des lettres, des sciences et des arts
    Verwendete Namen
    Samuel Hamen
  • Titel der Zeitschriften
    Entwürfe. Zeitschrift für Literatur
    Verwendete Namen
    Linus Molitor
  • Titel der Zeitschriften
    forum. fir kritesch Informatioun iwer Politik, Kultur a Relioun
    Verwendete Namen
    Samuel Hamen
  • Titel der Zeitschriften
    kulturissimo. mensuel culturel et socio-politique
    Verwendete Namen
    Samuel Hamen
  • Titel der Zeitschriften
    Lëtzebuerger Journal / Letzeburger Journal / Journal / LJ. Politik, Finanzen a Gesellschaft
    Verwendete Namen
    Samuel Hamen
  • Titel der Zeitschriften
    Lëtzebuerger Land (d') / d'Letzeburger Land / LL. unabhängige Wochenschrift für Politik, Wirtschaft und Kultur
    Verwendete Namen
    Fern Schaus
  • Titel der Zeitschriften
    Livres-Bücher. Un supplément du Tageblatt
    Verwendete Namen
    S.H.
    Samuel Hamen
  • Titel der Zeitschriften
    Tageblatt / Escher Tageblatt = Journal d'Esch. Zeitung fir Lëtzebuerg
    Verwendete Namen
    Samuel Hamen
  • Titel der Zeitschriften
    Warte (Die) = Perspectives. Supplément culturel du Wort
    Verwendete Namen
    Samuel Hamen

Sekundärliteratur

Auszeichnungen

Mitgliedschaft

  • A:LL Schrëftsteller*innen
Zitiernachweis:
Marson, Pierre: Samuel Hamen. Unter: , aktualisiert am 07.04.2026, zuletzt eingesehen am .