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Roger Manderscheid

Itzig Luxemburg

Pseudonyme: mr ; rm ; r.m. ; s.l.-k.

Roger Manderscheid wuchs in Itzig auf. Nach dem Abitur 1952 am Athenäum war er zunächst Ersatzlehrer in Consdorf, dann Eisenbahnbeamter in Bettemburg, schließlich Beamter im Arbeitsministerium und von 1977 bis 1993 im Kulturministerium. Dort war er zuständig für die Literatur und initiierte den bis heute bestehenden jährlichen Concours littéraire national.

Roger Manderscheids erste Schreibversuche gehen auf seine Gymnasialzeit zurück. Er schrieb Dorftheaterstücke wie De Pinselmuppi und D'Kloschare fléien déif. Verschiedene an Gottfried Benn und Georg Trakl orientierte Gedichte erschienen ab 1957 im Luxemburger Wort, in der Zeitschrift Jeune poésie européenne und in Arts et lettres. Später erschienen Beiträge von ihm in Galerie, Reenbou, Les Cahiers luxembourgeois oder Lëtzebuerger Almanach.

Der eigentliche Aufbruch Roger Manderscheids in die literarische Öffentlichkeit vollzog sich im Zeichen des Protestes. Seine Texte waren kritische Auseinandersetzungen mit luxemburgischen Verhältnissen, die als konservativ, einengend und unterdrückend beschrieben wurden. Mit der Schilderung der Komplementarität von Bevormunden und Duckmäusertum in die dromedare richtete er seine Kritik gegen sterile Bürokratenmentalität. Der Fernsehfilm stille tage in luxemburg, der am 2. Oktober 1973 in der Sendereihe Topografie. Ein Autor und seine Stadt im Dritten Deutschen Fernsehen gezeigt wurde und die Luxemburger als lethargische, unproduktive Parasiten darstellte, brachte Roger Manderscheid den Ruf eines Bürgerschrecks und Nestbeschmutzers ein und war Anlass zu einer emotionsgeladenen Polemik in der luxemburgischen Presse.

Freiräume für Kunst zu schaffen, war Roger Manderscheids Anliegen, das von einer Gruppe gleich gesinnter Künstler und Literaten geteilt wurde, wie Jeannot Bewing, Nico Thurm, Roger Schiltz, Pierre Puth, Gaston Scholer, Lambert Schlechter, Cornel Meder, Rolph Ketter. Die Consdorfer Scheune war der Ort, wo die Happening-Kultur des Protestes und der Provokation, des Ausbruchs aus erstarrten Mustern der Nachkriegsrestauration zelebriert wurde. Ephemere literarische Zeitschriften wie doppelpunkt, die literarischen Reihen impuls und lochness und der Verlag der Autoren signalisierten Unabhängigkeit vom Luxemburger Wort und Emanzipation und Innovation in Sachen Literaturvermittlung. Die Luxemburger Literatur sollte aus dem Ghetto der Provinzliteratur herausgeführt werden. Literarische Bezugsgröße war die bundesrepublikanische Literaturszene, geprägt von der Gruppe 47. So erprobte Roger Manderscheid fragmentarische und experimentelle Formen der Literatur wie das Hörspiel. Viele seiner Hörspiele wurden von ausländischen Radiosendern produziert und ausgestrahlt, so u. a. Burgbesichtigung und Papiertiger vom Westdeutschen Rundfunk (WDR), Radiografie vom Saarländischen Rundfunk (SR), Die Glaswand vom Deutschlandfunk und schrott vom Südwestfunk (SWF).

In den 1980er Jahren wandte sich Roger Manderscheid dem Luxemburgischen als Literatursprache zu und vollzog einen Wandel vom explizit Politischen zum Subjektiven. Die Übersetzung der französischen Theaterstücke Ubu roi (den ubu gëtt kinnék) von Alfred Jarry und L'affaire de la rue Lourcine (eng nuecht um kuelebierg) von Eugène Labiche signalisierten den Wandel, der mit mam velo bei d'gëlle fra eingeleitet und mit der Romantrilogie schacko klak, de papagei um käschtebam und feier a flam seinen Abschluss fand. Die stark autobiografisch geprägten Romane erzählen die Geschichte des Schreinersohnes Chrëscht Knapp aus Itzig zwischen 1935 und 1958. Geschildert wird eine Sozialisation auf dem Hintergrund der deutschen Besatzung, der Befreiung Luxemburgs durch die Amerikaner und der restaurativen Nachkriegszeit mit ihrem Obrigkeitsdenken und ihrer Sexualfeindlichkeit. Die Romane mit ihrer analytisch rückblickenden Erinnerungsarbeit und einer kritischen Spiegelung Luxemburgs sind geprägt vom Wunsch nach Selbstfindung und Selbstvergewisserung. Sie zeichnen sich durch Sprachspiel und Sprachkreativität aus und experimentieren mit dem Sprachwechsel als ästhetischem Ausdrucksmittel. Wegbegleiter in dieser Phase war Guy Rewenig, der mit Hannert dem Atlantik den Durchbruch für den Neie Lëtzebuerger Roman geschaffen hatte. Zusammen mit Guy Rewenig gründete Roger Manderscheid 2000 den ultimomondo-Verlag in Nospelt.

Roger Manderscheids Werke nach 2000 wie schwarze engel, kühe im nebel oder kasch standen im Zeichen neuer Sprachexperimente und einer kritisch-reflexiven Selbstreferenz. Neben Luxemburgisch schrieb er wieder Deutsch und reflektierte das Neben-, Mit- und Gegeneinander der unterschiedlichen Sprachen im komplexen Kommunikationsraum Luxemburg. Im Vordergrund stehen die thematische Beschäftigung mit Luxemburg, das Nachdenken über das Schreiben, die Reflexion der Künstlerexistenz. Mit d'magali flitt an den himmel, buzz-Kalender und buzzbuch legte Roger Manderscheid drei Publikationen für Kinder vor.

Roger Manderscheid war Gründungspräsident, danach Ehrenpräsident, des LSV und galt als das kommunikative und integrative Zentrum der Luxemburger Literaturszene. Mit dem Text der aufstand der luxemburger allliteraten legte er eine narrative Rekonstruktion der eigenen literarischen Vergangenheit und der verspäteten Ausdifferenzierung und Professionalisierung des Literaturbetriebes in Luxemburg vor. Er war Mitglied des P.E.N. Zentrum Deutschland. Beiträge von ihm erschienen in ausländischen Zeitschriften wie Krautgarten, das pult, orte, Stint, Das Gedicht. Einige von Michel Raus ins Französische übersetzte Gedichte erschienen in dire, andere wurden ins Mazedonische übertragen für die Anthologie Sovremena luksemburška poezija (1992).

Die Romane schacko klak, de papagei um käschtebam und feier a flam sind in deutscher Übersetzung im Gollenstein-Verlag, Blieskastel erschienen, die beiden ersten übersetzt von Georges Hausemer und Roger Manderscheid, der letzte von Roger Manderscheid allein. Kasch wurde zwei Mal übersetzt, ins Deutsche vom Autor selbst und ins Spanische von Teresa Ruiz Rosas. Zusammen mit Guy Rewenig gründete Roger Manderscheid 2000 den ultimomondo-Verlag in Nospelt.

Der Roman schacko klak wurde 1990 nach einem Filmdrehbuch von Paul Kieffer und Frank Hoffmann von Samsa Film produziert. Verfilmt wurde ebenfalls Der taube Johannes durch die AFO (Atlantic Film Organization), die auch den Film L’étrange découverte de Blaise Aristophane nach einem Szenario von Jean-Pierre Kraemer und mit Roger Manderscheid in der Hauptrolle vorlegte. Schließlich wird Roger Manderscheids in zwei Filmen gedacht. Zum einen verweist die Gestalt des alternden Schriftstellers Roger in dem Film D'Symetrie vum Päiperlek (2012) von Maisy Hausemer und Paul Scheuer auf Roger Manderscheid, zum anderen ist der Film e futtballspill am schnéi . erënnerungen un de roger manderscheid von Anne Schiltz und Tom Alesch eine posthume Hommage an  den Autor.

1990 erhielt Roger Manderscheid den Prix Batty Weber für sein Gesamtwerk, 1992 den neu geschaffenen Prix Servais für de papagei um käschtebam, 1995 den ersten Preis beim Concours littéraire national für die Kurzgeschichte pflastersteine, 2005 den Gustav Regler-Preis der Stadt Merzig (D). Zu seinem 60. Geburtstag gab Robert Gollo Steffen die Festschrift Aschlofen ënnert engem roude Stärenhimmel as méi wéi geféierlech mit Beiträgen vieler Luxemburger Schriftstellerkollegen heraus. 2008 wurde ihm der Spezialpreis Lëtzebuerger Buchpräis des Verbandes der Luxemburger Buchverleger verliehen. 2010 erinnert Guy Rewenig mit dem Theaterstück manderscheid. ein stillleben, das 2011 vom Théâtre national aufgeführt wird, an den verstorbenen Schriftstellerkollegen und Freund.

Roger Manderscheid ist neben seinen literarischen Produkten auch mit Zeichnungen, Bildern und Fotografien an die Öffentlichket getreten. In de ball ass keng banann werden seine Fußballbilder und Fußballtexte gegeneinander montiert. Ausstellung seiner Zeichnungen gab es u. a. in Luxemburg, Esch/Alzette, Differdingen, Düdelingen, Kiel und Saarbrücken. 

Dieser Artikel wurde verfasst von Germaine Goetzinger

Veröffentlichungen

Sonstige Mitarbeit

Übersetzungen

Mitarbeit bei Zeitungen

  • Titel der Zeitschriften
    ALP. art + littérature + politique
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  • Titel der Zeitschriften
    Arts et lettres. publication de la Section des arts et des lettres de l'Institut grand-ducal
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  • Titel der Zeitschriften
    Cahiers luxembourgeois (Les). revue libre des lettres, des sciences et des arts
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  • Titel der Zeitschriften
    Carleton Germanic Papers
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  • Titel der Zeitschriften
    Carleton literary review
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  • Titel der Zeitschriften
    Dire. Revue européenne de poésie
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  • Titel der Zeitschriften
    Doppelpunkt
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  • Titel der Zeitschriften
    Drauffelter Zeitung
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  • Titel der Zeitschriften
    Eis Sprooch (Actioun Letzebuergesch)
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  • Titel der Zeitschriften
    forum. fir kritesch Informatioun iwer Politik, Kultur a Relioun
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  • Titel der Zeitschriften
    Galerie. Revue culturelle et pédagogique
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  • Titel der Zeitschriften
    Gedicht (Das). Zeitschrift für Lyrik, Essay und Kritik
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  • Titel der Zeitschriften
    impuls. Luxemburger Textversuche
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  • Titel der Zeitschriften
    Jeune poésie européenne. mensuel de création et d'information poétique culturelle et artistique
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  • Titel der Zeitschriften
    Krautgarten. Forum für junge Literatur im deutschen Sprachgebiet
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  • Titel der Zeitschriften
    kulturissimo. mensuel culturel et socio-politique
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  • Titel der Zeitschriften
    Lëtzebuerger Almanach. Red.: Georges Hausemer ; Gestalt.: Heng Ketter
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    r.m.
  • Titel der Zeitschriften
    lochnessheft
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  • Titel der Zeitschriften
    Luxemburger Wort / d'Wort / LW
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  • Titel der Zeitschriften
    Marienkalender / Luxemburger Marienkalender / Lëtzebuerger Panorama
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  • Titel der Zeitschriften
    Nuova Europa = Nouvelle Europe = NEeuropa. arts, letters, science
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  • Titel der Zeitschriften
    Orte. eine Schweizer Literaturzeitschrift
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  • Titel der Zeitschriften
    Perspektiv. onofhängeg Zeitung fir Politik, Wirtschaft a Kultur
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  • Titel der Zeitschriften
    pult (das). literatur, kunst, kritik
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  • Titel der Zeitschriften
    Reenbou. revue plurilingue de poésie = pluringual poetry magazine
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  • Titel der Zeitschriften
    Revue alsacienne de littérature = Elsässische Literaturzeitschrift (1983- )
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  • Titel der Zeitschriften
    Schliessfach. Zeitschrift für Literatur und Grafik
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  • Titel der Zeitschriften
    Stint. Zeitschrift für Literatur
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  • Titel der Zeitschriften
    Tageblatt / Escher Tageblatt = Journal d'Esch. Zeitung fir Lëtzebuerg
    Verwendete Namen
    s.l.-k.
  • Titel der Zeitschriften
    Temps parallèle (Le)
    Verwendete Namen
    Roger Manderscheid
  • Titel der Zeitschriften
    Wespennest. zeitschrift für brauchbare texte
    Verwendete Namen
    Roger Manderscheid

Sekundärliteratur

Auszeichnungen

Mitgliedschaft

  • Lëtzebuerger Konschtgewerkschaft
  • lochness Gruppe
  • LSV - Lëtzebuerger Schrëftstellerverband [1986-2016]
  • Mondorfer Dichtertage
  • PEN International. Zentrum Deutschland

Archiv

Zitiernachweis:
Goetzinger, Germaine: Roger Manderscheid. Unter: , aktualisiert am 09.03.2020, zuletzt eingesehen am .